Éric Vuillard: Der Krieg der Armen

verfasst am 16.05.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kurzgeschichten, Vuillard, Éric

Zum Ende des Mittelalters hatte die Kirche bereits rund eintausend Jahre lang an ihrem Status der Unfehlbarkeit gearbeitet. Jahrhunderte, die dazu führten, dass sich die Kirchenfürsten immer  weiter vom ursprünglichen Gedanken des Christentums entfernten. Die Zeit war reif für Reformatoren und Revolutionäre, die gegen die Allmacht der Kirche und des Adels aufstanden.

Als Thomas Müntzer (1489-1525) in die Öffentlichkeit trat, waren viele andere Kirchenkritiker wie Jan Hus oder John Wyclif schon lange nicht mehr am Leben, der nachhaltigste von allen, Martin Luther, war ein Zeitgenosse Müntzers. Obwohl beide Männer im rein kirchlichem Sinne durchaus ähnliche Vorstellungen hatten, ging Müntzer viel weiter als Luther. Müntzer forderte auch die Änderung des Gesellschaftssystems, was Luther ablehnte.

Éric Vuillard versteht es, wie nur ganz wenige, in eine kleinen Textmenge so viel unterzubringen. Die Geschichte Thomas Müntzers bringt er auf genau 59 Seiten unter, schafft es dabei aber mit bemerkenswert pointierter Sprache, diese Erzählung wie eine umfangreiche Biographie wirken zu lassen.

Mit einem Rückblick auf die Vorgänger Müntzers beschreibt Vuillard die historische Grundlage, auf der Müntzers Leben und Wirken zu verstehen ist. Die Worte aller dieser Männer fanden fruchtbaren Boden bei der großen Masse der Bevölkerung, die in einer Welt von Abhängigkeit von Adel und Kirche und in rechtlicher Willkür leben mussten. Die Weltordnung im christlichen Teil der Welt wurde als gottgegeben betrachtet, womit jeder Versuch, daran etwas zu ändern, mit einer Gotteslästerung gleichgesetzt werden konnte.

Thomas Müntzer war kein Kirchenreformator im engen Sinn, sondern war auch ein Revolutionär, der es verstand, die Armen hinter sich zu versammeln, um für die Verbesserung der Lebensumstände zu kämpfen. Die von ihm getragene Bewegung war aber schon bald zum Scheitern verurteilt, weil sie der militärischen Macht nichts entgegensetzen konnte: in den Bauernkriegen 1523-1525 starben am Ende zehntausende und Thomas Müntzer selbst wurde als Führer des Aufstandes gefoltert und hingerichtet.

Viele Details, Jahreszahlen oder ähnliche Fakten wird man in „Der Krieg der Armen“ nicht finden, dafür gibt es umfangreiche Geschichtsbücher. Was man aber hier findet – und in diesen anderen Büchern nicht oder nur sehr oberflächlich gestreift – das ist ein Gefühl und damit das Verständnis für Lebensverhältnisse der Menschen, die den unsrigen so völlig fremd sind. 

Éric Vuillard hat einen historischen Roman geschrieben, der sich jenes Teiles der Geschichte annimmt, der, abseits von Jahreszahlen und berühmten Namen, das Leben des Großteiles der Bevölkerung zum Inhalt hat. Es ist unglaublich beeindruckend, wie wenig Worte Vuillard benötigt, um das greifbar und verständlich zu machen.



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