Franzobel: Die Eroberung Amerikas

verfasst am 14.02.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Franzobel, Historischer Roman
LiteraturBlog Bewertung:

Ein Roman über einen spanischen Eroberer, der scheiterte.

Unter der Herrschaft des Habsburgers Karl V machten sich die Konquistadoren auf, für den Kaiser, für Gold und eigenen Ruhm, die neue Welt zu erobern (Großartig in diesem Zusammenhang die Beschreibung Karls V. mit seinem Sprachfehler).  Erobern, das ist ein so mildes Wort für ein Zeitalter der Verwüstung und der Vernichtung riesiger Reiche und Zivilisationen auf dem amerikanischen Doppelkontinent.

Wenn man von Konquistadoren spricht, dann denkt man an Hernan Cortes und Francisco Pizarro, die Zerstörer der Reiche und  Kulturen der Azteken und der Inka. Es gab aber noch einige mehr, die sich aufmachten auf der Suche nach El Dorado und dem Jungbrunnen, im Gefolge hatten sie immer ein Heer aus Missionaren, Soldaten und Krankheiten aus der alten Welt.

Fernando Desoto? Ja, den gab es wirklich und was die anderen in Mittel- und Südamerika geschafft hatten, das wollte er in Florida erreichen. Neues Land für den Kaiser gewinnen und unendlichen Reichtum für sich selbst. 1542 endete sein Plan mit seinem Tod, ein Schicksal, das er mit der Mehrheit der Teilnehmer dieses gescheiterten Eroberungszuges teilte.

Die Überheblichkeit, mit der diese Menschen die neu entdeckten Länder heimsuchten, ist noch immer erschreckend und das Bild, das sie abgaben ist im selben Maße armselig wie sie sich damals für gottgegeben überlegen hielten.

Womit das thematische Fundament für diesen historischen Roman gelegt ist: Franzobel nimmt in seiner Sprache, in seinen Formulierungen diese Leute nicht ernst, macht sich über ihre Ausdrucksweise, ihr Aussehen, ihr Verhalten lustig. Das passt, denn es sind allesamt lächerliche Typen, die damals unseren Kontinent beherrschten und gleiches auf einem anderen Kontinent erreichen wollten. Was sie taten und anrichtetet, das aber berichtet er im geschuldeten Ernst.

Man begleitet nicht nur Desoto, sondern auch einige der Expeditionsteilnehmer: zum Beispiel Elias Plim, halb tot von einem französischen Piratenschiff („Freibeuter“ nennen sie sich, das klingt besser) aus dem Meer gerettet, der blumig von seinem Leben erzählt – von der Inquisition in Spanien über die Sklavenhändler in Nordafrika bis er sich endlich auf Kuba der Expedition Desotos anschloss.

Was war das nur für eine Zeit: Christen folterten und versklavten Muslime, Muslime folterten und versklavten Christen, es wurde gevierteilt, geköpft, verbrannt. Keine Zeit, in der man gerne leben wollte. Und das alles exportierten die Spanier nun auch noch nach Amerika.

Wie in diesem Roman von alledem erzählt wird, das lässt sich mit dem Wort „furios“ sehr umfassend beschreiben.

Es ist eine oft bis ans Absurde grenzende Beschreibung, wie die Spanier neues Land betraten. Wenn man dann gelegentlich Schmunzeln, manchmal darüber lachen muss, wie die Zusammentreffen mit den Einheimischen oder das Verhalten der Spanier geschildert werden, so friert dieses Schmunzeln / Lachen im nächsten Moment ein, wenn man weiß, wie es wirklich war (und auch hier gemeint ist): Überheblichkeit, Gewalt, Herrenmenschen-Fantasien waren es, die die Spanier und ihnen nachkommende Eroberer antrieben.

Ein Fokus des Romanes liegt auf der Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Anspruch der Spanier war es, die überlegene Rasse zu sein und die Zivilisation und (vor allem) ihren (katholischen) Glauben in die neue Welt zu bringen. Realität war es, dass die Spanier die Wilden und die Unzivilisierten waren, den Einheimischen in menschlichen Belangen unterlegen, dafür aber in Technik, Kriegsmaschinerie und Gewissenlosigkeit weit voraus. Ein Gefühl für die Brutalität der Konquistadoren wird man noch am ehesten dann bekommen, wenn man deren Verhalten mit den Mordorgien der IS-Terroristen unserer Zeit vergleicht.

In eine Satire verpackt, wird alles noch wirkungsvoller und bedrückender, als es damals gewesen sein muss. Franzobel findet aber auch dafür eine Lösung …

Historische Basis und Folgen

Der Autor Franzobel hat für seinen Roman umfangreiche Recherchen an den Orten des Geschehens betrieben. Kein einfaches Unterfangen, eine detaillierte Geschichte der Desoto-Expedition zu verfassen, denn die überprüfbaren Quellen dazu sind selten und schwer zu finden. Bis heute lässt es keine exakte Chronik der Ereignisse erstellen, ja es lässt sich nicht einmal der exakte geografische Verlauf der Expedition bestimmen. Klar scheint nur zu sein, dass man an der Westküste Floridas landete und von dort – ähnliche dem Kriegszug Hannibals auf der Apenninhalbinsel – kreuz und quer durch die Südstaaten Amerikas zog.

In seinem Roman versetzt er nun die Protagonisten zeitweise in die Jetztzeit, lässt sie dann agieren – und sprechen – wie Menschen des 21. Jahrhunderts. In der Vermengung mit den historischen Hintergründen des 16. Jahrhunderts entsteht eine spannungsreiche Erzählung und zugleich ein Buch über einen Abschnitt der Geschichte, der weitgehend vergessen wurde.

Desoto war ein Verlierer, kein Wunder, dass man ihn in den europäischen Geschichtsbüchern kaum finden wird (es war so gar nicht ruhmreich). Liest man die Fakten aus „Die Eroberung Amerikas“ nach, so lässt sich wohl auch erkennen, warum Desoto, im Gegensatz zu Pizarro und Cortes, scheiterte. Waren es in Mittel- und Südamerika riesige Reiche, die die Spanier mit einer kleinen Streitmacht direkt im Zentrum treffen konnten, so trifft Desoto im Süden Nordamerikas auf viele kleinere Stämme. Hatte er einen davon besiegt oder vernichtet, traf er auf den nächsten; ein Abnutzungskrieg, den die Spanier nicht gewinnen konnten.

Wenn die Expedition auch scheiterte, so hatte sie doch Folgen. Auch in Nordamerika starben unzählige Menschen an den eingeschleppten Krankheiten der Europäer, was es den später folgenden Eroberern und Siedlern umso leichter machte, das Land zu besetzen. Und die freigelassenen Pferde der Expedition waren wahrscheinlich die Grundlage für die riesigen Mustang-Herden, die später über die Prärie galoppierten.

Bis heute bleibt die Frage, wem das Land gehört, als ungelöstes Problem bestehen. Doch dafür bietet Franzobel eine durchaus überlegenswerte Lösung an …

So sehr mich dieser Roman im Grund begeistert und überzeugt, so sehr irritiert mich der Umfang. Im Nachwort berichtet der Autor davon, dass das Buch ohne vom Verlag empfohlene Kürzungen doppelt so lange geworden wäre. Er neigt zum ausschweifenden fabulieren, was anfangs überaus amüsant ist, dann aber zunehmend anstrengend wird. Noch einmal ein Viertel weniger Umfang hätte dem Roman überaus gutgetan.

Mein Fazit bleibt aber: ein faszinierendes Buch, das man geduldigen und interessierten Leserinnen und Leser unbedingt empfehlen muss.

PS: Ein ausführliches Interview mit dem Autor ist in der Zeitschrift FALTER erschienen. Sehr interessant und eine gute Ergänzung zum Buch.




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