Buchbesprechung/Rezension:

Hervé Le Tellier: Die Anomalie


verfasst am 17.11.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Le Tellier, Hervé, Science Fiction
LiteraturBlog Bewertung:

Man beginnt gebannt zu lesen,  ist vom ersten Satz an von und in der Erzählung gefangen.

Zu Anfang liest man über Blake, David, Victor Wiesel, Lucie, Andre, viele mehr und man fragt sich zunächst, welche Rolle diese Menschen spielen: Später wird sich herausstellen, dass man den Zeitbegriff etwas weiter fassen muss – also sich fragen sollte, welche Rolle diese Menschen spielen, spielten oder spielen werden.

Bald wird klar, dass es sich um die Vorstellung einiger Teilnehmer an einem unerhörten Ereignis handelt. Es ist also so ähnlich, wie man es aus Filme oder TV-Serien kennt, wenn die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes oder Flugzeugs oder die neuen Gäste eines Hotels kurz porträtiert werden (was alles wiederum auf dem Klassiker  „Menschen im Hotel“ basiert). Ähnlichkeit zu solchen allseits bekannten Beispielen gibt es hier aber nur in der Art des Aufbaues der Geschichte, in der Umsetzung ist dieses Buch dann aber eine völlig andere (Literatur-) Welt.

Was die nun in diese Erzählung eingeführten Personen betrifft, so haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie waren Passagiere (oder werden sie es erst sein?) an Bord eines Air France Fluges von Paris nach New York, der über dem Atlantik gänzlich unerwartet in eine extreme Gewitterfront geriet. Kapitän David Markle bringt die zwar beschädigte, aber noch steuerbare Maschine an den Zielflughafen, niemandem ist etwas passiert, wenn man von der Angst absieht, die in den wilden Turbulenzen alle ergriff. Man schreibt den 10. März des Jahres 2021.

Es ist der 24. Juni 2021, als sich eine Air-France-Maschine mit David Markle im Cockpit erneut bei Tower in New York meldet und von einer Unwetterfront berichtet und direkt um Landeerlaubnis für die beschädigte Maschine ersucht. Es sind 106 Tage vergangen, seit der Flug AF006 in New York landete und jetzt taucht dieselbe Maschine mit derselben Crew und denselben Passagieren über den Atlantik erneut auf.  Schnell wird diese Maschine auf eine Militärbasis umgeleitet, denn es muss sich wohl um eine Täuschung handeln, naheliegend wäre ein Terrorangriff oder etwas Ähnliches.

Doch die Personen an Bord der beiden Flüge sind einander nicht einfach nur ähnlich, nicht geklont, nicht gleich – sie sind identisch, völlig identisch.

Ach so! So etwas wurde aber doch schon in allen möglichen Fernsehserien abgehandelt, von Star Trek bis Stargate … Nun, aber eben nicht so wie hier …

Das Buch ist durchgehend ein reines Sprachvergnügen, das auch mich, als notorischen Schnell-Leser, dazu zwingt, bedächtig und Wort für Wort zu lesen; damit ich nicht versehentlich etwas übersehe, überlese. Während man das Vergnügen genießt, kommt man bei vielen, wirklich vielen, zitierbaren Sätzen vorbei, die ein Thema klug oder äußerst amüsant, „bis-zu-Ende-gedacht“ oder „umfassend-erklärend“ beschreiben. Man könnte die Lektüre beschließen mit einer ganzen Liste von Zitaten und Formulierungen, die sich bei Gelegenheit, passend in einem Gespräch, wiederverwenden lassen. Die Stärke dieses Romanes liegt somit auch in der kongenialen Übersetzung durch Romy und Jürgen Ritte.

In welches Genre man diesen Roman einordnen möchte, ist letztendlich Geschmackssache. Für mich ist es ein Science-Fiction-Roman – und dabei der wohl beste, der sich dem Phänomenen alternativer Realitäten und Zeitparadoxa widmet. Es ist aber auch einfach ein ganz großartiger Roman, der sich für Nicht-SF-Fans und ganz allgemein für LeserInnen großartiger Literatur empfiehlt.

Hervé Le Tellier hat sich Rätsel und Widersprüchlichkeiten ausgedacht, für das es wohl keine Lösungen geben kann. In „Die Anomalie“ haben sich in den rund drei Monaten, die zwischen den beiden Ladungen verstrichen sind, die Lebensumstände einiger der Passagiere dramatisch geändert; Veränderungen, die den Passagieren der Juni-Landung entgangen sind. Eine Beziehung ist in Brüche gegangen, einer hat seinem Leben ein Ende gesetzt, einer ist todkrank. Bei anderen hat sich kaum etwas geändert, was das Aufeinandertreffen der beiden Ichs noch komplizierter machen kann. Wie er dann seine Protagonisten an eben dieser Lösung des Problems arbeiten lässt, das dringt weit ein in philosophische, mystische, religiöse, politische, psychologische und natürlich auch utopische Ebenen ein. Nicht aufdringlich, keine Angst, denn das alles bleibt unglaublich leicht lesbar und wird mit jedem weiteren Kapitel, das wieder einen neuen Blickwinkel auf das Geschehen eröffnet, immer spannender. Ein Thriller ist dieser Roman also auch.

Ein überaus faszinierendes Thema des Romanes – was wäre, wenn wir uns selbst begegneten – ist eine Aufforderung selbst zu spekulieren. Einer Aufforderung der man sich schwer entziehen kann. 

Es bleibt noch die Frage, wie der Autor diesen Knoten in der Zeit auflösen wird. Aber vielleicht geht es ja gar nicht um eine Auflösung, sondern nur um eine Spekulation darüber, was wäre, wenn man einfach einen Zeitraum aus der Zeit herausschneiden und es nochmals versuchen könnte. Nämlich es besser zu machen. Gerade in der Zeit in der wir gerade leben, wahrscheinlich die beste aller Möglichkeiten.

Vieles zu lesen auf den rund 340 Seiten.
Ein tolles Highlight im Bücherjahr 2021!
10 von 5 Sternen!

„Die Anomalie“ wurde ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt 2020.
(meine Prognose: es werden noch weitere Preis folgen)




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