Cay Rademacher: Stille Nacht in der Provence

verfasst am 27.10.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Rademacher, Cay

Weihnachten in der Provence: das klingt doch ungemein romantisch. Ein altes, liebevoll restauriertes Haus aus dem 16. Jahrhundert, typisch im Stil Südfrankreichs, die Stille des Landes, wenn die Touristenmassen abgezogen sind, Spaziergänge im milden Winter des mediterranen Klimas. Andreas Kantor hält es für eine wirklich gute Idee, als er zusagt, im Haus eines Arbeitskollegen die Weihnachtsfeiertage zu verbringen, als der aus familiären Gründen zu Hause bleiben muss.

Miramas le Vieux also: zwischen Nizza und Montpellier gelegen, erhebt sich die alte Stadt auf einem Hügel über die Landschaft. Die alten Häuser sind nur noch zum Teil bewohnt, die Menschen schon vor langer Zeit hinunter ins Tal gezogen und auch die Reste der Burg verfallen mehr und mehr.

Cay Rademacher ist, wie in allen seinen Südfrankreich-Krimis, wieder Autor und Fremdenführer zugleich und geleitet seine LeserInnen an Orte abseits der Tourismuszentren der Côte d’Azur; hinein in das alte, das weniger bekannte Frankreich.

So verschlägt es auch Andreas und seine Frau Nicola an diesen einsamen Ort, von dem sie davor nur wenig wussten. Es ist eine durchaus kritische Zeit in ihrer Ehe, in der die beiden sich so weit voneinander entfremdet haben, dass diese Reise auch leicht das Ende ihrer Beziehung einläuten könnte. Beide um die fünfzig Jahre alt, haben sie sich an ihre eigenen Lebensumstände so sehr gewöhnt, dass das Zugehen aufeinander immer schwerer fällt. Dazu kommen seit neuestem auch finanzielle Sorgen, nachdem Nicola ihren Job als Redakteurin verloren hatte; allesamt eine Situation, mit der man nach so vielen Jahren der Arbeit und der Gemeinsamkeit eigentlich nicht mehr konfrontiert sein möchte.

Und dann wird es kalt in der Provence: zuerst ist es das Wetter, das mit dichtem Schneefall so gar nicht dem Wunsch nach Wärme und Süden entspricht; und dann ist es der Sarg im Garten des Hauses und der Tote, der in diesem Sarg liegt. In der Nacht hatte Andreas ein Rumpeln gehört, das wohl von dem Gewölbe kommen musste, das über dem darin verborgenen Sarg eingebrochen war. Angst und Kälte greifen nach Andreas, der in dem verlassenen Ort erst lange suchen muss, bis er Hilfe findet. Doch als er zum Haus zurückkehrt, sind der Tote und der Sarg verschwunden – nur noch die leere Grube im Boden ist geblieben.

Wäre da nicht diese Sache mit dem verschwundenen Sarg, würde ich diesen Roman vorbehaltlos als richtige Weihnachtsgeschichte bezeichnen. Durch die stillen Straßen des Ortes streifen, im Schnee versinken, der jeden Laut dämpft. Die Ruhe, der man sich hingeben könnte, die Verbundenheit zwischen Andreas und Nicola, die sich wieder einzustellen scheint, die Atmosphäre des alten Hauses, der Kamin. Der Weihnachtsurlaub scheint sich als großartige Zeit herauszustellen (und man könnte sich gut vorstellen, selbst dort ein paar Tage zu verbringen).

In dieser Abgeschiedenheit können kleine Vorkommnisse und an sich unwesentliche Details die Fantasie gehörig anregen. Andreas mag nicht glauben, dass er die Entdeckung des Toten nur geträumt hatte, aber es lässt sich auch nicht ganz von der Hand weisen, dass das nicht real war. Falls es also tatsächlich einen Toten gab und falls dazu auch noch Mörder in Miramas le Vieux wohnt, dann würde es gefährlich für den werden, der auf das Geheimnis gestoßen war: Andreas Kantor. Denn alle Zufahrtsstraßen sind blockiert, niemand kommt heraus oder heraus.

Der Professor aus Deutschland bleibt jedenfalls gänzlich von seiner Beobachtung überzeugt und wandelt sich gemeinsam mit Nicola zum entschlossenen Privatdetektiv-Duo. Während die beiden in Folge dieser Wandlung einige recht ungewöhnliche Ideen und Verhaltensweisen entwickeln, bleibt die Geschichte immer erfreulich kurzweilig und voller spannender Momente.

Fünf Tage im Dezember, die für einige Bewohner des Ortes mit unerwarteten Überraschungen enden. Weihnachten eben!

Eine Abenteuer-Weihnachtsgeschichte, die sich zwar nicht so gut zum Vorlesen am Weihnachtsabend eignet (dafür ist sie nicht beschaulich genug), aber die durchaus passende Lektüre für die kommenden Weihnachtsfeiertage ist.



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