Cay Rademacher: Ein letzter Sommer in Méjean

verfasst am 17.05.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Rademacher, Cay

Der Auftakt vermittelt gleich ein Gefühl von Agatha Christie: Fünf ehemalige Schulfreunde aus Deutschland erhalten die anonyme „Einladung“, nach Südfrankreich zu reisen und dort einige Tage in einem Ferienhaus zu verbringen. Genau an dem Ort, an dem vor dreißig Jahren einer von ihnen, Michael, ermordet wurde – der Täter wurde nie gefunden.

Jetzt aber behauptet der Verfasser dieser Briefe, dass der Mörder entlarvt werden würde; an diesem Wochenende, an dem die fünf im Ferienhaus versammelt sind. Zu selben Zeit trifft auch Kommissar Renard in dem kleinen Ort ein, denn auch die Polizei hat ein anonymes Schreiben erhalten.

Alle sind eingetroffen und bei allen Beteiligten herrscht ein Gefühl von Unsicherheit vor: bei den ehemaligen Schulfreunden, bei den Bewohner des kleines Ortes. Denn viele glauben etwas zu wissen, doch niemand scheint die ganze Geschichte zu kennen – Kommissar Renard findet bald heraus, dass während der Ermittlungen vor dreißig Jahren vieles nicht gesagt oder verschwiegen wurde und vieles nicht beachtet wurde.

Cay Rademacher entwickelt die Geschichte sehr behutsam. Er lässt sich Zeit, erzählt von Details. Aus den Rückblenden auf das Geschehen damals und  den Beobachtungen der Beteiligten heute, entsteht stückweise die Wahrheit über diesen Tag vor dreißig Jahren, als Michael unten am Strand, zwischen den Felsen, erschlagen aufgefunden wurde. Der Tag, an dem aus der Reise der Schulfreunde, die ein krönender Abschluß nach dem Abitur werden sollte, ein Albtraum wurde, der bis in die Gegenwart nachwirkt.

Es geht zwar langsam und detailreich voran, doch so, wie es Rademacher schreibt, kommt überhaupt keine Langeweile auf. Kurze Kapitel, immer wieder der Wechsel der Perspektive, immer steht eine andere beteiligte Person im Zentrum des Interesses, es kommen Erinnerungen hervor und es stellt sich heraus , dass einige etwas zu verbergen haben.

Kommissar Renard ist ein sehr einfühlsamer Ermittler, der sich in den Gesprächen mit den Beteiligten Schritt für Schritt an die Wahrheit heran tastet. Mit einem vergleichenden Blick hinüber zu Agatha-Christie kann Renard zwar in Bezug auf Eleganz und gesellschaflichen Status mit Hercule Poirot nicht mithalten – in Bezug auf Detektivarbeit und Kombinationgsgabe hat Cay Rademacher mit Renard allerdings einen durchaus ebenbürtigen Ermittler erschaffen.

Der ganze Krimi ist rund um diesen Ermittler aufgebaut, es ist ein richtig schöner, klassischer Krimi, in dem sich heiße Spuren bald wieder verlaufen, kleine und große Geheimnisse aufgedeckt werden und die Spannung immer da ist.

Dabei verlässt der Autor nie den Bereich dessen, was auch in wahren Leben durchaus möglich wäre – was“Ein letzter Sommer in Méjean“ zu einem sehr gut lesbaren, sehr fesselnden und vor allem sehr empfehlenswerten Krimi macht.

Da Rademacher bisher zwei Krimi-Reihen (Hamburg und Provence) auf die Welt gebracht hat, würde es mich gar nicht wundern, wenn dies der Auftakt zu einer neuen Reihe wäre. Das Potential ist da und den Kommissar Renard würde ich gerne wieder treffen …


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top