Leo Perutz: Wohin rollst du, Äpfelchen ...

verfasst am 11.06.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Perutz, Leo, Romane

Manche kommen aus dem Krieg zurück und finden in ihr normales Leben zurück. Manche kehren zurück, bleiben aber für immer im Krieg und seinen Schrecken gefangen.

Im Kriegsgefangenenlager in Sibirien schwören die fünf Kameraden einen heiligen Eid, sich nach dem Krieg an dem brutalen Lagerkommandanten Seljukow zu rächen. An dem Mann, der für Tod, Krankheit und Leid der Gefangenen verantwortlich ist.

Alle fünf kehren körperlich unversehrt nach Wien zurück. Sie kommen in einem Land an, das sich seit ihrer Abreise völlig verändert hat. Die Monarchie ist vergangen, das Land ist auf einen Bruchteil seiner einstige Größe geschrumpft.

Während sich einige wie nahtlos in das zivile Leben einfügen können, ist Georg Vittorin der, der es nicht vermag, sich von der Vergangenheit zu lösen. Seine Erinnerungen blitzen immer wieder auf, immer wieder sieht er den Kommandanten vor sich, wie der die Gefangene quält und erniedrigt, wie er, Vittorin dem hilflos ausgeliefert ist.

Der Schwur ist bei den ehemaligen Kameraden bald vergessen und zur ungeliebten Last geworden, nur Vittorin lässt sich nicht davon abbringen. Er wird nach Russland reisen, den Kommandanten ausfindig machen und zur Rechenschaft ziehen; genau so, wie sie es einst im Lager einander geschworen hatten.

Vittorin macht sich auf den Weg. Es ist kein einfaches Unterfangen, nach dem Krieg kann man nicht mehr so einfach in ein anderes Land reisen und in Russland herrscht Bürgerkrieg. Vittorin gerät zwischen die Fronten. Er finden Helfer und verliert sie wieder. Er glaubt, Seljukow aufgespürt zu haben, doch eines ums andere Mal erweist sich die Spur als falsch.

Perutz‘ Romane leben von den Begegnungen, „Wohin rollst du, Äpfelchen …“ unterschiedet sich darin nicht von seinen anderen Büchern. Georg Vittorin irrt auf seiner Suche über den halben europäischen Kontinent, überall trifft er auf Menschen, die für einen Augenblick sein weiteres Schicksal mit bestimmen und die oft, gleich ihm, ihre Heimat oder ihre Zuversicht verloren haben. Am Ende seiner Reise wird er wieder auf Menschen treffen, die entwurzelt in einem fremden Land gestrandet sind; und er wird den Krieg endlich hinter sich lassen können.

Vittorins Suche ist eine Odyssee, eine Reise in der er sich von den Ereignissen immer weiter treiben lässt; ungebrochen bleibt er in seinem Vorhaben, den grausamen Kommandanten aufzuspüren, dafür nimmt er jede Gefahr in Kauf. Dass auf seinem Rachfeldzug gegen einen Einzelnen viele andere, die ihm ihre Unterstützung anbieten, den Tod finden, nimmt er ungerührt zur Kenntnis, ja er nimmt es kaum wahr.

Den größten Teil der Suche verbringt Vittorin in Russland. Dabei gerät er zwischen die Fronten der Roten und der Weißen, wobei man zugleich auch einen tiefen Eindruck von den chaotischen Monaten gewinnt, in denen die Bolschewiki ihre Macht gegen die Weißen, die Anhänger des Zaren, in einem blutigen Bürgerkrieg endgültig errangen und absicherten.

Ein historischer Roman, ein Anti-Kriegsroman und die Studie eines Mannes, der es lange nicht schafft, sich von seinen traumatischen Erinnerungen zu lösen; ein spannender Roman mit – auch typisch Perutz – einem überraschenden Schluß.

PS: Der Titel „Wohin rollst du, Äpfelchen …“ ist einem russischen Volkslied entnommen, in dem es um die Unwägbarkeiten geht, mit denen man es auf seinen Wegen zu tun bekommt.



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