Leo Perutz: Zwischen neun und neun

verfasst am 19.11.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Perutz, Leo, Romane

Stanislaus Demba ist Hypochonder und Aufschneider, er ist Lügner und Poet, er ist aufbrausend und unterwürfig, er ist angsteinflößend und bemitleidenswert. „Zwischen neun und neun“ hetzt er durch Wien, denn er muss – er MUSS! – den nötigen Betrag zusammen bekommen um die Reise mit Sonja nach Venedig bezahlen zu können.

In den ersten Kapiteln gerät er in schier unglaubliche Situationen. Er trifft auf urtypische Wiener Typen und was sich aus diesen Begegnungen entwickelt, ist manchmal zum Brüllen komisch, reiner Slapstick. Man muss nun wissen, dass Leo Perutz dieses Roman im Jahr 1917 schrieb, als das Kaiserreich noch existierte; es sind also die kaiserlichen Untertanen, ihre Marotten und ihre Sprechweise, ihre Selbstverständnis und ihr Standesdünkel, die hier, in jedem Kapitel sind es andere, auftreten.

Im achten Kapitel klärt sich endlich auf, wie es dazu kam, dass Demba so durch die Stadt hetzt. Er wollte ein wertvolles Buch verkaufen, dass er aus einer Bibliothek gestohlen hatte. Der Händler aber rief die Polizei, die Demba prompt erwischte und ihm Handschellen anlegte. Demba aber konnte durch einen tollkühnen Sprung aus einem Dachfenster entkommen. Gerade in diesem Augenblick schlug die Turmuhr 9:00 Uhr und ab diesem Zeitpunkt irrt und hastet Dumba, gefesselt mit den und an die Handschellen, durch die Stadt.

Genau diese Handschellen sind es, die ihn in alle diese unwirklichen und skurrilen Situationen zwingen, denn er kann ja nicht offenbaren, dass er gefesselt ist – alle würden gleich wissen, Sonja eingeschlossen, dass er ein entflohener Gefangener ist.

Doch erklärt das wirklich alles, was passiert?
Oder gibt es da noch etwas?
Was geschah / was geschieht um neun?

Der Roman war ein großer, internationaler Erfolg für Leo Perutz. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie diese Mischung aus Komödie und Tragödie die Leserinnen und Leser damals begeisterte. Die Ereignisse sind so unglaublich, in der Charakterisierung der Protagonisten aber zugleich so vertraut.

Die Typen, die Perutz zum Leben erweckt, lassen einen Blick auf Wien und seine Bewohner werfen, der einiges über deren Selbstverständnis verrät; und der auch verrät, dass sich in den letzten hundert Jahren bei deren Nachfahren nicht allzu viel geändert hat.



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