Leo Perutz: Der Marques de Bolibar

verfasst am 26.07.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Historischer Roman, Perutz, Leo

Eduard von Jochberg ist 18 Jahre alt, Leutnant , als er mit seinem Regiment an der Seite der napoleonschen Truppen in Spanien kämpft. Er überlebte die Vernichtung seines Regiments, ein Ereigniss, dessen genaue Umstände lange Zeit verborgen geblieben waren.

Nach dem Tod Eduards werden in seinem Nachlass Tagebücher gefunden, in denen er bis ins Detail beschrieb, wie es dazu kam, dass die beiden deutschen Regimenter „Nassau“ und „Erbprinz von Hessen“ im Winter des Jahren 1812 in der andalusischen Stadt La Bisbal völlig aufgerieben wurden.

Es ist die Geschichte des Marques de Bolibar, der in vielen Verkleidungen und mit vielen Gesichtern einen Plan schmiedete, der unweigerlich zu dieser Katastrophe führen musste; es war so etwas wie die Sühne des Marques dafür, dass viele seiner eigenen Verwandten an der Seite von Spaniens Gegnern in den Krieg gezogen waren und dabei ums Leben kamen. Eine Sühne deshalb, weil der Marques von Anfang an seinen eigenen Tod in den Plan miteinbezog.

Die Regimenter quartieren sich in La Bisbal ein; schon am ersten Tag begegnet Eduard von Jochberg dem mysteriösen Marques und kann sich zunächst keinen Reim auf dessen überaus seltsames Verhalten machen. Erst der Bericht eines schwer verwundeten Sodaten erklärt, worum es geht. Kurz bevor der Soldat stirbt, beschwört er die Offiziere des Regiments, den Marques zu töten, denn es würde ansonsten der Untergang der Deutschen sein.

Ein Zufall bringt es mit sich, dass Jochberg den Marques tatsächlich tötet. Wenn dies auch zunächst im Unwissen geschieht, wen man da im Hinterhof der Gastwirtschaft erschießt. Doch de Bolibars Vermächtnis liegt wie ein Fluch über allem. Der Plan wird ausgeführt, als Jochberg und die anderen Offiziere völlig von Sinnen aus Liebe zu einer jungen Spanierin, alle Vorsicht fallen lassen und so selbst das Unheil in Gang setzen. Der Plan des Marques wird Schritt für Schritt ausgeführt.

Ein seltsamer Wahnsinn, den Leo Perutz da beschreibt. Die Offiziere neiden dem Oberst, ihrem Vorgesetzten, die Liebschaft mit der jungen Monjita und geraten in diesem Neid, in dieser Eifersucht in einen wahrhaft irrwitzigen Rausch.

Während die Schilderung Jochbergs bis zu diesen entscheidenden Momenten noch realistisch und beinahe historisch wirkt, so lässt sich nun kaum verstehen, warum die Offiziere, Jochberg eingeschlossen, derart in sinnlose Rage verfallen. Alles wirkt surreal und übertrieben, es soll wohl den diabolischen und  über seinen Tod hinaus andauernden Einfluß des Marques de Bolibar unterstreichen und für den Fortgang des Geschehens sorgen.

Im Rückblick wird man nun verstehen, warum der Marques vor seinem Tod so sehr darauf bestand, dass die deutschen Offiziere, die für seinen Tod verantwortlich sind, seine unerledigten Aufgaben zu Ende bringen sollten. Als die Offiziere dies beschworen ahnten sie nicht, dass sie sich damit selbst ins Verderben stürzen würden; und so vollziehen sie, zugleich unbewusst wie unbedacht, wie Marionetten an unsichtbaren Schnüren gesteuert, den Plan des Marques de Bolibar bis zum finalen Ende.

Das alles mag man gut finden oder auch nicht.

Für mich ist der Stoff des Romanes jedenfalls etwas zu dünn, das Agieren der Protagonisten etwas zu übertrieben.



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