Lutz Wilhelm Kellerhoff : Die Tote im Wannsee

Berlin im Jahr 1968: Eine Stadt, eine Insel inmitten der DDR, umgeben und von der Welt abgeschnitten durch die sechs Jahre zuvor errichtete Mauer. Berlin ist zu dieser Zeit so etwas wie der Leuchtturm des demokratischen Westens im kommunistischen Osten und zugleich die Spielwiese der Geheimdienste, das Einfallstor der Agenten.

Doch im Jahr 1968 ist es nicht nur der Feind von außen, der an den gesellschaftlichen und politischen Fundamenten der Stadt rüttelt, es ist auch die (68er)Revolution im Inneren, die die alten Strukturen und den alten Foiz zerstören möchte. Alles trifft hier aufeinander: die alten Nazis, die ungeschoren davon gekommen sind und es sich an wichtigen Positionen der Bundesrepublik bequem eingerichtet haben; die revolutionstrunkenen Studenten, die trotz des warnenden Beispieles, das ihnen die DDR bietet, einem wirren Wunschtraum eines kommunistischen Paradieses nachhängen; die Agenten des Stasi, die unerkannt und dicht vernetzt an die Schaltstellen Westberlins vordringen und alles und jeden beobachten.

In solch einer Zeit haben es diejenigen, die nur die Einhalten des Rechtes und die Bekämpfung der Kriminalität im Sinn haben, nicht einfach. Denn sie können nicht wissen, wer aus ihrem  Umfeld Freund oder Feind ist.

Der Gute, das ist der junge Kommissar Wolf Heller, der einen neuen Fall auf den Schreibtisch bekommt: eine Tote wurde im Wannsee ans Ufer getrieben. Mord, das steht schon bald fest. Auch der Hauptverdächtige ist bald gefunden und Hellers Vorgesetzter drängt ihn, den Fall rasch abzuschließen. Doch der Fall ist keinesfalls abgeschlossen, das Geständnis des Verdächtigen ist bei diesem Fall nicht das Ende der Arbeit sondern erst deren Beginn.

Zu Anfang ist es ein Krimi, der auch in einer anderen Stadt, zu einer anderen Zeit spielen könnte und die Verbindung zum Jahr 1968 erschöpft sich in der Aufzählung der Musiktitel, die gerade im Radio gespielt wird.

Doch rasch wird daraus ein Roman, der tatsächlich einen tiefen Einblick in diese Zeit des Umbruches verschafft. Berlin ist der Brennpunkt der Weltpolitik und hier prallen die Weltanschauungen aufeinander. Das Autorentrio entwickelt ungemein glaubhaft und auch mit vielen Fakten hinterlegt, die spannende und dichte Handlung vor dem geschichtlichen Hintergrund.

Und man beginnt beim Lesen diese Zeit zu verstehen und wie es damals zugegangen ist – selbst wenn man selbst nicht dabei war oder viel zu jung um es bewusst zu erleben.

Geschickt sind reale, historische Personen, solche, die uns auch heute noch ein Begriff sind, in die Handlung eingebunden. Und es sind die historischen Ereignisse und Fakten, die die Bühne für diese Roman bieten: die Mauer, die beginnende Radikalisierung eines Teiles der Studentenbewegung, die noch lange nicht überwundene NS-Zeit (wie wir täglich sehen, bis heute nicht), die Unterwanderung durch Personen und Organisationen, die – wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen – nichts anderes als die Zerstörung des Bestehenden im Sinn haben.

Ich habe noch nicht oft einen Roman gelesen, der sich so glaubhaft in eine vergangene Zeit einfügt wie “Die Tote im Wannsee”. Ein spannender Krimi und zugleich auch ein spannender Historischer Roman.

Ich bin beeindruckt!

Auf Instragram findet sich ein Account mit Hintergrundmaterial zum Buch


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