Drago Jančar: Die Nacht, als ich sie sah

verfasst am 27.10.2015 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Jančar, Drago, Romane

Drago Jančar schildert die Zeit in Slowenien vor und während des zweiten Weltkrieges. Seine Erzählung reicht aber noch weiter hinaus über die Zeit nach dem alles zerstörenden Krieg. Als Vorbild für diesen großartigen Roman diente Jančar die Geschichte von Ksenja Hribar und ihrem Mann, die von Tito Partisanen verschleppt und getötet wurden. Erst im März 2015 wurden ihre sterblichen Überreste gefunden.

Der Autor bedient sich eines Stils, der für mich anfangs ein bisschen gewöhnungsbedürftig war. Der Text, teilweise in sehr langen Sätzen, geht nahezu ohne Dialoge durch, und erfordert einiges an Konzentration. Zumindest bei mir. Trotzdem, ein wunderbares Buch über Wehmut, Traurigkeit, aber auch Verrat.

Stevan Radavanovic, ein junger, tüchtiger Kavallerie-Leutnant, und ausgezeichneter Reiter wird dienstlich verpflichtet, einer jungen Dame der Gesellschaft – sie ist die Frau eines reichen Unternehmers – Reitunterricht zu erteilen. Veronika, eine vor Lebensfreude strahlende Frau, gibt sich zu Beginn der Reitstunden „zickig“. Die Atmosphäre zwischen Stevan und Veronika ist alles andere als harmonisch.

Stevan ist es gewohnt seine Rekruten hart anzupacken und erzählt seiner Schülerin auch von den Gräueln des Krieges. Veronika ist schockiert. Aber die Beiden raufen sich zusammen und verlieben sich ineinander.

Veronika verlässt für Stevan ihren Mann und ihr bequemes, luxuriöses Leben und geht mit dem Leutnant in die hinterste Provinz, wohin er nach bekannt werden der Affäre strafversetzt wurde. Doch das in Schmutz und Geldmangel versinkende Leben wirkt sich auf die Beziehung der Beiden aus. Veronika verlässt Stevan und geht wieder zu Ihrem Mann zurück.

Auf Ihrer Burg führen sie ein geselliges Leben, haben ein offenes Haus für Gäste, unter denen sich auch deutsche Offiziere befinden. Ihre Dienstboten verehren die Herrschaften ob ihrer Großzügigkeit. Besonders Veronika wird von ihren Angestellten geliebt. Der Umgang mit den deutschen Offizieren wird von der Bevölkerung argwöhnisch betrachtet. Es ist die Zeit der Partisanen. Leo, Veronikas Mann, unterstützt aktiv die Aufständischen mit Lebensmitteln, warmer Kleidung, Decken etc.

Letztendlich werden Veronika und Leo aber von Partisanen aus ihrer Burg verschleppt. Durch einen Verrat, durch schändliche Lügen kamen sie in diese Situation.

Drago Jančar lässt fünf Beteiligte in seinem Roman die Geschichte mit deren jeweiligem Wissen und Hintergrund erzählen. Berührend, wehmütig, melancholisch, voll mütterlicher Gefühle – eine der Protagonisten ist Veronikas Mutter. Einer, ehemaliger Bediensteter auf der Burg, und Partisan, lässt sein Leben Revue passieren und hegt Zweifel daran, ob sein damaliges Verhalten richtig war. So wird das Schicksal der Zarniks, ihr Leben auf der Burg, ihre Großzügigkeit und menschliche Wärme anhand dieser fünf Menschen, zu denen auch ein deutscher Arzt gehört, sowie die Haushälterin des Ehepaares Zarnik, und der Kavallerieoffizier Stevan, erzählt.

Drago Jančars Buch berührt, erschreckt durch die geschilderte Gewalt an Veronika und Leo. Er schildert historische Hintergründe und menschliche Abgründe. Er erweckt nie den Eindruck, dass er damit auf Effekthascherei aus ist. Es ist ein schmerzliches Buch.



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