Buchbesprechung/Rezension:

Maddalena Fingerle: Muttersprache


verfasst am 25.03.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Fingerle, Maddalena, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Über die Autorin:
Maddalena Fingerle wurde 1993 in Bozen geboren. Sie studierte Germanistik und Italianistik an der Universität München und arbeitet dort derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin. „Muttersprache“ ist ihr erster Roman. Für das 2020 erschienene Romanmanuskript „Lindau madre“ erhielt sie den renommierten Italo-Calvino-Preis. Übersetzt wurde „Muttersprache“ vom Italienischen ins Deutsche von Maria E.
Brunner. Ich war ihr für die verwendeten „österreichischen“ Ausdrucksweisen wirklich dankbar.

Über das Buch:
Paolo Prescher, der Erzähler dieses Romans und Sprachfanatiker, wächst in Bozen in Südtirol auf. In Bozen hat alles zwei Bezeichnungen, manchmal auch drei: Deutsch, Italienisch und Ladinisch.

Paolo lebt mit seiner Schwester Luise und seinen Eltern in einer vollgeräumten Wohnung. Früher hat sein Vater noch geredet, jetzt leidet er unter Mutismus oder Aphasie. Der Grund dafür könnte ein Unfall gewesen sein, bei dem eine Frau ums Leben kam. Dafür spricht seine Mutter um so mehr, was Paolo nervt. Außerdem heult sie viel.
Der Vater hat die Dinge in der Wohnung beschriftet. Auf Stift hat er „Stift“ geschrieben und auf der Schreibmaschine klebt ein Zettel, auf dem „Schreibmaschine“ steht. Selbst im Kino beklebt er den Kinosessel mit dem Wort „Sessel“ und den Fußboden mit dem Wort „Fußboden“.

Die ersten Seiten des Buches beschreiben das Familienleben von Paolo und seine Schulzeit. Die Schule ist für Paolo die Hölle. Es gibt nur einen einzigen Mitschüler, den er mag. Das ist Jan Einstatt.
Nach der Abschlussprüfung der dritten Klasse Mittelschule besucht Paolo das Klassische Lyzeum, weil man dort Latein und Griechisch lernt. „Aber ehrlich gesagt, ich mag niemanden in meiner Klasse, sie sind alle unsympathisch oder dumm, sie würden nie mit mir reden, weil sie unreif sind, kindisch und langweilig. Es gibt eine dumme Gans, die cosmopolita falsch ausspricht, und offenbar macht sie es absichtlich, nur um mich zu ärgern, und sie gilt bei Leuten, die von Schönheit nichts verstehen, als hübsch.“
Auch die Lehrkräfte hält Paolo für Dummköpfe und Ignoranten. Paolo maturiert in
den Fächern Deutsch, Englisch, Griechisch und Latein und besteht mit Bestnoten.

Paolos Vater stürzt sich aus dem Fenster und landet im Krankenhaus. „Ein großgewachsener Arzt mit randloser Brille kommt zu uns, und meine Schwester sagt, er kann mit ihr sprechen, sie ist die Tochter, und sie sagt das so, als ob sie ihn sofort ficken möchte, hier an die Wand gepresst, und ich sage im Stillen zu mir: Hure, du bist eine Hure, du bist eine Hure, du bist eine Hure, du bist eine Hure, du bist eine Scheißhure, ich hasse dich, du Hure, du Hure, und ich wiederhole das Wort Hure, bis ich die Stimme des Arztes höre, der zu meiner Schwester sagt, dass Papa tot ist.“

Nach der Matura zieht Paolo nach Berlin und beginnt in einer Bibliothek zu arbeiten. Er wird schnell zum „Kerl aus Rom“, der schlechtes Deutsch spricht, aber Paolo macht Fortschritte und ihm gefällt die deutsche Sprache. Es geht ihm gut in Berlin, weil es ein Ort ohne Einschränkungen ist und es keine Berge gibt, die sich erdrückend anfühlen. Paolo verliebt sich in Mira und das Leben wird für ihn schöner
und erträglicher. Als Mia schwanger wird, ziehen sie gemeinsam zurück nach Bozen, wo die beiden fürs Erste bei Paolos Mutter leben möchten, bis sie etwas Eigenes gefunden haben.

Das Ende des Buches ist dann sehr verstörend.

Mein Fazit:
Meine Erwartungen an dieses Buch waren hoch, vor allem, nachdem ich einen Bericht darüber im Radio gehört hatte, in dem es sehr gelobt wurde.

Der Schreibstil ist einzigartig und sticht beim Lesen sofort heraus. Ich staunte über Wortwahl und Syntax.
Aber wenn man Sprache liebt, verstehe ich nicht, warum man dann nicht auch Satzzeichen wertschätzt. Leider fehlen diese bei der direkten Rede. Sind denn Punkte und Striche nicht auch sehr wichtige Bestandteile?

Paolo wurde mir den ganzen Roman hindurch nicht sympathisch. Er war mir einfach zu schlecht gelaunt, genervt von seiner Umgebung und es fehlte ihm jegliche Art von Empathie gegenüber seinen Mitmenschen. Ihm ist eine saubere Sprache am wichtigsten, verwendet aber selbst viele Schimpfwörter. Vielleicht ist das ironisch zu verstehen, aber mit Wörtern wie „Scheiße“ und „Arschloch“ wird nicht gespart.

„Wörter sind im Prinzip sauber, wenn sie das sagen, was sie sagen sollen, ohne zweideutig zu sein. Wie Nigger und Deutscher. Nigger und Deutscher sind sauberer als Mensch mit dunkler Hautfarbe oder Südtiroler deutscher Muttersprache.“

Mir hat sich der Sinn des Buches insgesamt nicht erschlossen. Für mich ist es ein Kunstprojekt, das man für genial oder für eine sinnlose Vergeudung von Lebenszeit halten kann. Hier darf sich jeder sein eigenes Urteil bilden. Ich tendiere zu Letzterem.




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