Buchbesprechung/Rezension:

Baret Magarian: Die Erfindung der Wirklichkeit


verfasst am 23.08.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Magarian, Baret, Satire
LiteraturBlog Bewertung:

Sie sind eine Generation auseinander, aber haben etwas gemeinsam: Beider Kreativität ist verloren gegangen. Daniel Bloch ist 48 und hat durchaus schon Erfolge mit seinen Romanen gefeiert; zwar nicht bei den Kritikern, aber beim Publikum. Oscar Babel, den er als seinen Ziehsohn betrachtet, ist 29, malt, aber jeglicher Erfolg blieb ihm bis jetzt versagt.

Wenn es im Leben nicht wie gewünscht läuft und wenn auch die Zukunftsaussichten keine Besserung versprechen – wie wäre es, das Leben einfach neu zu schreiben? Für den Schriftsteller vielleicht der große Neustart, für den Maler vielleicht die Idee für den ersten Durchbruch? Die Idee ist, je länger Daniel darüber nachdenkt, gar nicht so schleicht und er macht sich ans Schreiben.

Als die ersten Kapitel entstehen, geschehen seltsame Dinge. Denn Schritt für Schritt weicht das Geschehen des wirklichen Lebens vom bisherigen Fortgang ab und nähert sich dem an, was Bloch schreibt – es geschieht, das Unerwartete, das nur eine Fiktion im Buch war, sickert in die Realität ein und Blochs Gedanken über Oskars Leben beginnen Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit zu bekommen; oder ist es umgekehrt und Bloch schreibt in einer Art von Vorsehung das, was auch ganz von alleine geschehen würde?

Baret Magarian formuliert sehr wortreich und als LeserIn ist man manchmal in Gefahr, sich zwischen den Worten in den Sätzen zu verirren … wo war ich, worum ging es gerade? Das ist anfangs ein wenig in die Irre führend, aber je weiter man liest, desto mehr gewöhnt man sich an seinen Stil zu schreiben, wird es mit einem Mal zu einem abwechslungsreichen Text, der vor Ideen nur überläuft.

Es wird darüber erzählt, wie die Protagonisten der Geschichte ihre Tage verbringen. Eine Aneinanderreihung von kleinen Szenen des Alltages, so wie – man muss es sich nur selbst bewusst machen – auch unsere aller Tage verlaufen. Das Leben erzählt unentwegt Geschichten, kleine Szenen, die kommen und gehen, manche finden eine Fortsetzung, manche verschwinden irgendwo im Archiv der Erinnerung.

Dann tritt einer auf, der im Buch als „Guru“ bezeichnet wird. Ryan Rees, der dynamische, der kreative, der alles, was er in die Hand nimmt, pushen kann. Oscar wird Nutznießer von Rees‘ Aktivitäten, merkt dabei nicht, dass er in Wahrheit dessen ahnungsloses Opfer, einfach ein Projekt für eine neue Public Relations Sensation ist, aus der man für kurze Zeit Gewinne und Ruhm herausholen kann.

Die ersten zwei, drei Kapitel benötigte ich, um in das Buch hineinzufinden.

Die eine Stärke dieses Textes, das ist die Beobachtung der Menschen, ihre Charakterisierung, die Entwicklung ganz unterschiedlicher Typen, die eines gemeinsam haben: ihr Auftreten, ihr Verhalten, ihre Erscheinung sind akribisch beschrieben, manchmal – nein oft – bis ins Skurrile überzeichnet. Schon fast beeindruckend dabei ist, wie viele solcher Figuren der Autor erfindet, beschreibt und ihnen eine Rolle im Buch zuweist. Man sollte/müsste eine Liste machen, um sich alle zu merken.

Die andere Stärke, das ist die immer nahtlos werdende Übereinstimmung zwischen Fiktion und Wahrheit. Kennt man so etwas nicht in ebenfalls zunehmende Ausmaß auch gerade aus unserer Gegenwart? Wenn irgendjemand eine Geschichte erfindet (von Chemtrails bis zur „Plandemie“ vom Bevölkerungsaustausch bis zu Chips in Impfungen …) und auf einmal immer mehr Menschen glauben, ihnen wäre es genauso ergangen oder sie hätten selbst, mit eigenen Augen genau so etwas gesehen?

Eine bleibende Schwäche des Romanes ist allerdings ist die schier unendliche und unbremsbare Lust des Autors zu fabulieren, also – allzu – viele Details – allzu – wortreich auszuschmücken. Das hat Längen und verleitet zum mehrmaligen Querlesen.

Damit wird leider sehr oft der Blick auf das eigentliche Thema dieser Satire verstellt: wie die Kunstwelt (also die Welt der Künstlerinnen und der Kunst) auch im engen Sinne des Wortes zu einer Kunstwelt wird. In sich verwoben und voller Selbstdarstellung, gefangen im manischen Drang nach Aufmerksamkeit und voller Überschätzung der eigenen Bedeutung. Also muss man dann und wann genau hinsehen, um die Sätze und Abschnitte zu finden, in denen sich das Buch mit eben dieser Kunstwelt befasst.

Je mehr ich lese, desto mehr bin ich überzeugt, dass dieser Roman vor allem für jene unglaublich lesenswert ist, die sich selbst in der Medienwelt tummeln, die dann und wann zu Vernissagen geladen sind, die die Nähe zu den roten Teppichen und Kameras suchen. Jene werden dann, da bin ich sicher, eine ganze Menge von dem wiedererkennen, das Baret Magarian in diesem Buch so kunstvoll und wortreich umschreibt.

Kein Wunder, denn diese Branche ist die berufliche Heimat des Autors – was auch vermuten lässt, dass sich einige, vielleicht verklausulierte, Hinweise auf reale Personen im Buch finden.




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