Buchbesprechung/Rezension:

Gianrico Carofiglio: Groll

Groll
verfasst am 12.09.2023 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Carofiglio, Gianrico
Genre: Kriminalromane
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Vittorio Leonardi starb an einem Herzinfarkt. Alle sind sich dessen sicher – der Hausarzt und alte Freund des Toten, die Haushälterin, Vittorios Witwe – nur seine Tochter Marina ist fest davon überzeugt, dass ihr Vater ermordet wurde; ermordet von seiner um mehr als dreißig Jahre jüngeren Ehefrau Lisa.

Marina wendet sich, ein Anwalt hat ihr das empfohlen, an die frühere Staatsanwältin Penelope Spada, die sich als inoffizielle Privatdetektivin mit Fällen beschäftigt, für die sie sich interessiert. Kein Wunder, dass Penelope zuerst darüber nachdenken muss, ob sie den Fall annehmen soll, denn alles scheint wirklich auf eine natürliche Todesursache hinzudeuten. Da der Leichnam schon kurz nach dem Tod eingeäschert worden war und keine Autopsie stattfand, lässt sich im Nachhinein auch keine medizinische Expertise erstellen. Penelope überlegt, ob sie es mit ihrem Gewissen verantworten kann, in so einem eindeutigen Fall Geld von der Klientin anzunehmen.

Was letztendlich dazu bringt, den Auftrag anzunehmen, das ist der Name des Toten: Leonardi, bekannter Arzt und, wie Penelope weiß, zu Lebzeiten Mitglied einer Freimaurerloge. Ein Name, der in ihrer Tätigkeit als Staatsanwältin eine sehr bedeutende Rolle spielte.

Scheint es zu Anfang so, als wäre wirklich nur der Tod des Arztes das Thema dieses Romanes, so erweitert sich die Basis der Erzählung immer mehr. Je mehr über Penelope, ihr Leben und über die Menschen, die sie im Zug ihrer Ermittlungen befragt und trifft, zu erfahren ist, desto unklarer wird, worum es tatsächlich geht. Die Ermittlung in einem Mordfall? Der Abschluss zu jenen Vorgängen, die zu Penelopes Abgang aus der Staatsanwaltschaft führten? Ihre Einsamkeit, die sie nur mit ihrer Hündin Olivia teilt?

Während man liest und sich von dem Geschehen – alles wird aus der Perspektive von Penelope als Ich-Erzählerin geschildert – immer weiter hineinziehen und fesseln lässt, wird gleichzeitig immer undeutlicher, mit welchen Finale man zu rechnen hat.

Einen großen Teil des Romanes nehmen Penelopes Beobachtungen und Gedanken ein. Nur ein Teil davon hat direkt mit dem Fall zu tun, vieles sind Erinnerungen, Überlegungen zu ihrem aktuellen Leben. Finde ich solche Abschweifungen vom Thema sonst in sehr vielen Romanen als zu ausufernd, manchmal so störend, dass es die Freude an einem Buch verleidet, so gehören sie hier einfach dazu, um die Hauptdarstellerin kennenzulernen.

Nichts ist zu viel, alles genau richtig dosiert, um sich ein Bild von Penelope Spada und ihrer Persönlichkeit zu machen. Man lernt eine sehr sympathische, wenn auch komplizierte Person kennen, mit der man wohl auch im richtigen Leben gut auskommen könnte. Wenn Penelope denn nicht ganz allgemein Schwierigkeiten hätte, anderen Menschen auf privater Ebene zu begegnen.

„Groll“ ist, zusammengefasst, ein Krimi, der sich an erster Stelle mit den Menschen beschäftigt, denen man im Lauf der Ereignisse begegnet. Ganz unterschiedliche Charaktere, alle behutsam und so prägnant beschrieben, dass man meint, ihnen gegenüberzustehen.

Die Krimi-Spannung kommt dabei nicht ganz mit, aber das ist schon beinahe nebensächlich, weil man ausreichend damit beschäftigt ist, die handelnden Personen zu beobachten; das ist für sich alleine schon interessant und spannend genug!




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