Ulrike Schmitzer: Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt

verfasst am 20.03.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Schmitzer, Ulrike

Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt Es sind diese beiden Aspekte, die mich an den Büchern von Ulrike Schmitzer so begeistern. Es ist die kurze Sprache, die in knappen Sätzen alles sagen kann. Und dann ist es der fließende Übergang von den Gedanken und Überlegungen der Hauptperson zur ihren Handlungen: so denkt sie über das, was sie gerade unternimmt; so empfindet sie das, was gerade geschieht.

Das, was geschieht ist der Weg Kiras durch die Abschnitte der Vorbereitung um Astronautin zu werden. Eine Astronautin, die möglicherweise unter den Ausgewählten sein wird, die als erste den Fuß auf den Planeten Mars setzen und dort eine Kolonie gründen werden.

Das, was sie empfindet ist Stolz darüber, unter den wenigen Auserwählten zu sein; aber gleichzeitig auch Unsicherheit und Betrübtheit, es nicht mit Sicherheit zu wissen, ob sie dabei sein kann. Kiras Leben wird zu einem Flickwek aus Warten auf die nächste Aufgabe, das nächste Vorbereitungstraining und der Zeit dazwischen, in der sie sich zunehmend aus der Welt auf der Erde entfernt.

Kira lebt noch hier (mit hier ist Wien gemeint), aber sie ist alleine, sie darf niemandem erzählen, was ihre Aufgabe ist, sie hat niemandem mit der/dem sie ihre Gedanken teilen und von ihren Träumen erzählen kann; das alles entfernt sie von den Menschen und macht sie einsam.

Als sie mit Glück den Namen einer anderen Teilnehmerin am Marsprogramm erfährt, macht sie sich auf die Suche nach der Frau, die ebenfalls in Wien lebt. Es ist gar nicht schwer, diese Frau mit dem Name Zoe Hauser ausfindig zu machen; schwer ist es für Kira jedoch zu verstehen, wie diese Frau ihr selbst wie aus dem Gesichts geschnitten aussieht. Wie ist eine solche Ähnlichkeit, nein viel mehr: Übereinstimmung, möglich.

Kira, die bis dahin ganz für sich alleine lebte (ist das eine Folge ihrer Weltraumvorbereitung oder war ihr auch zuvor schon einsames Leben die Voraussetzung, dass man sie dafür wählte?) findet ihre, wie sich herausstellt, Zwillingsschwester. Und sie findet Zugang zu einem weiterem Menschen. Diese neuen menschlichen Bindungen auf der Erde: wie ändern sie ihren Traum von der langen, einsamen Reise durchs Weltall; wie wirken sie sich auf ihre Chance aus, für den Flug ausgewählt zu werden.

Der nächste Teil des Programmes ist die Isolations-Studie: Kira wird 1.000 Tage auf engem Raum, gemeinsam mit anderen verbringen müssen. Ein Test auf der Erde, der den Flug zum und den Aufenthalt auf dem Mars simuliert.

Wer weiß, ob es irgendwo auf der Welt bereits ein „Reise-zum-Mars-Programm“ gibt, in dem Menschen wie Kira oder Zoe ganz konkret daran arbeiten, den Roten Planeten zu erreichen und zu besiedeln? Vielleicht ist heute in einem Jahr schon ein Raumschiff unterwegs? Möglich wäre es und überdies ein toller Stoff für Verschwörungstheorie-Fans. In diesem Roman ist diese Reise jedenfalls (nur) das Gerüst um dem Leseerlebnis Halt und Rahmen zu geben. Ein Handlungsgerüst, damit die Sätze und Formulierungen einen Handlungsrahmen haben.

Natürlich stellt sich die Frage, wo diese seltsame Geschichte hinführt. Für mich war es zwar interessant, das zu erfahren, stand aber doch weit im Hintergrund. Ganz im Vordergrund stand einfach nur das Lesen. Dieser Roman vermochte es, das Lesen an und für sich für mich zu einem Erlebnis zu machen.

Auch weil dazu noch eine Vielzahl an Fakten und Geschichten über die Geschichte der Raumfahrt, Raumfahrerinnen und Raumfahrer und den Weltraum geliefert werden, ist dieses Buch ein ganz spezielles. Science & Fiction gewissermaßen.

Ulrike Schmitzer wird von Literaturkritikerinnen bislang weitgehend ignoriert. Völlig unverständlich für mich, werden doch zugleich alle möglichen Leute in die Höhe gehoben, mit denen eine breitere Leserschaft so rein gar nichts anfangen kann.


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