Josef von Neupauer: Österreich im Jahre 2020

Es ist wirklich kein einfaches Unterfangen, einen Blick voraus in eine Zukunft in 125 Jahren zu werfen. Das ist es nie – heute nicht und auch nicht im Jahr 1893, als “ Österreich im Jahre 2020″ erschien. Josef von Neupauer übernahm es damals, aus der Sicht des Status Quo der Donaumonarchie ins übernächste Jahrhundert zu blicken.

Das Ergebnis ist kein Science Fiction-Roman im Stil von Jules Verne oder H.G.Wells; eine technische Weiterentwicklung ist im Gegenteil in der Welt in diesem Buch kaum zu bemerken, mehr oder weniger gab es in dieser Beziehung kaum Fortschritte. So bestimmen Dampfwagen und Pferdegespanne weiterhin das Straßenbild.

Der Schwerpunkt liegt für Josef von Neupauer in politischer, kultureller und gesellschaftlicher Utopie. Das absolute „Highlight“ ist dabei die Staatsform, in der man im Österreich des Jahres 2020 lebt: eine kommunistische Monarchie mit einem Habsburger Kaiser an der Spitze eines Staates, der in geografischer Sicht noch immer so groß wie damals.

Es gibt sichtlich noch viele literarische Schätze aus der Vergangenheit zu bergen, die im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten sind. Der Verlag luftschacht hat anscheinend ein bisserl gegraben und zum Vorschein kam dieses Buch. Es wurde unverändert neu aufgelegt, was auch die mühsame Sprache (mit der Zeit ging mir das beim Dativ und auch sonst an viele  Hauptwörter angehängte „e“ ziemlich auf die Nerven) erklärt. Doch die Sprache soll nicht im Zentrum stehen, vielmehr ein Abgleich zwischen den Vorstellungen des Autors und unserer wirklichen Gegenwart.

Dazu, das muss man von Beginn an wissen, gibt es praktisch nichts, was sich auch nur annähernd so entwickelt hätte, wie Josef von Neupauer es sich ausdachte. Josef von Neupauer war sichtlich zu sehr in der Unveränderlichkeit seiner eigenen Zeit gefangen, als sich daraus lösen zu können und wirkliche Veränderungen auch nur gedanklich zuzulassen.

Es gibt nur diesen einen Punkt, in dem von Neupauer ein bisschen in die Zukunft sehen konnte: Europa als Union (auch wenn er Russland da mit einbezieht); und noch einen halben Treffer erzielt er, wenn er schreibt, dass die Österreicher*innen im Jahr 2020 nicht mehr rauchen; in seinem Buch jedoch nirgends.

Somit bleibt als einzige Prognose, die Josef von Neupauer als Leitfaden durch das gesamte Buch führte, die Umwandlung der Gesellschaft in eine kommunistische. Niemand besitzt mehr etwas, alles gehört allen, selbst die alten Adelshäuser bewohnen nicht mehr den eigenen Familiensitz, sondern werden gewissermaßen mit Repräsentationsaufgaben betraut, denen sie in zugewiesenen Schlössern nachgehen dürfen. Der allgemeine Nicht-Besitz erstreckt sich sogar bis auf Bücher, Kücheneinrichtung, Kleidung – alles gehört allen. Selbst den Siegerpokal bei einem Sportwettbewerb nimmt man nicht mit in seine Wohnung (es müsste wohl richtig heissen: in die zur Nutzung zugewiesene Wohnung).

Und dann die Städte: Salzburg und Wien sind ganz massiv geschrumpft, andere Provinzstädte haben dafür an Wichtigkeit gewonnen. Eine Erklärung dazu wird man allerdings nicht finden. Über die Rolle der Frauen, über die Mode, über die Arbeistwelt und die Gerichtsbarkeit: noch viele weitere Aspekte dieses fiktiven 2020er-Österreich sind beschrieben und spiegeln doch nur durchwegs die unveränderten Ansichten vom Ende des 19. Jahrhunderts wider.

Das alles ist oft sehr unfreiwillig komisch, obwohl man natürlich eine wirkliche Ernsthaftigkeit, mit der der Autor seine Welt entwickelte, durchaus zugestehen kann. Im Ergebnis ist es aber dann immer der wenig erfolgreiche Versuch eines Blickes in die Zukunft. Aber warum auch nicht. Was wäre denn schöner als eine Welt, in der es allen gut geht und niemand nach irgendwelchen Besitztümern strebt … nun ja …

Trotzdem: es war eine gute Idee, dieses Buch neu aufzulegen. Denn während „Österreich im Jahre 2020“ als Utopie zwar scheitert, so erzählt es doch indirekt sehr viel über die gesellschaftliche und politische Realität im Jahr 1893. Und das ist auch interessant.



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