H.G. Wells: Menschen, Göttern gleich

verfasst am 11.01.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Science Fiction, Wells, H.G.

Welche wunderbare Vorstellung: in einer Zukunft (oder in einer anderen Gegenwart) sind alle Menschen schön und niemand neidet dem anderen etwas, die Vernunft regiert und nicht die Ideologie. Wäre das nicht traumhaft?

In so eine Welt geraten Mr. Barnstaple und einige weitere die Erdenbewohner aus dem England der 1920er Jahre. Ein Unfall bei einem Experiment in der anderen Welt saugte sie gewissermaßen in dieses Utopia, wo sie erstaunt eine ganz andere Welt als ihre eigene kennenlernen.

So vieles, was die Menschenwelt zu einem ungemütlichen und ungerechten Platz macht, gibt es hier nicht. Der Neid und das Gewinnstreben wurden durch Gemeinsamkeit ersetzt, Krankheiten sind so gut wie unbekannt. Die Utopen (wie sie von den Menschen genannt werden) leben in einer Welt, tausende Jahre der unseren voraus.

Aus dem Erstaunen der Erdlinge wird rasch mehr und mehr Skepsis oder Anlehnung, je nach Charakter. Der eine meint, den moralischen Missionar spielen zu müssen, ohne dass er noch verstanden hätte, wie Utopia und das Zusammenleben auf diesem Planeten funktioniert. Der andere möchte den Utopen, die schon lange ganz ohne Regierung auskommen, das Menschheitsmodell von Staat und Hierarchie  aufzwingen.

Aber auch das Paradies wurde nicht auf paradiesische Weise erreicht, denn die Menschen entschieden, wer und was darin Platz haben darf und was nicht. Und bei Bedarf wurde ein wenig an der Natur herumgeschraubt, schlechtes ausgerottet, vieles modifiziert. Das Ergebnis ist eine Welt, die sich als Mischung aus verklärtem Sozialismus und fast schon faschistischem Überwesenstreben darstellt.

Ein Roman, in dem sich H.G. Wells keinerlei Grenzen in Bezug auf ausufernde Beschreibungen und endlos lang erscheinende Monologe setzt. Das führt über weite Strecken zu einer – heute – übertrieben schulmeisterlich klingenden und langatmigen Mahnung über die Selbstüberschätzung der Menschen.

Warum „heute“?
Im Jahr 1923, dem Erscheinungsjahr des Romanes, war die Lage der Welt eben völlig anders als heute. Der 1.. Weltkrieg erst wenige Jahre vorüber und noch immer tief in den Erinnerungen verankert. Die Revolution in Russland lässt noch immer viele Idealisten an eine bessere Welt glauben, die Gräueltaten werden noch als notwendiges Übel auf dem Weg dorthin gesehen und die Verbrechen der Kommunisten sind noch lange nicht ins öffentlichen Bewusstsein gedrungen. In Italien, in Deutschland wiederum marschieren die Faschisten als Vorboten der Apokalypse. Die Spanische Grippe hatte der Menscheit gerade erst die (damaligen) Grenzen der Wissenschaft gezeigt und Millionen Opfer gefordert.

Vor diesem Hintergrund mag es H.G. Wells ein Anliegen gewesen sein, den Menschen ihren Kleingeist und ihre Niedertracht vor Augen zu halten und dem gegenüber von einem Paradies in der Zukunft zu erzählen, in dem alles besser und schöner ist. Doch wie es scheint, können die Menschen des beginnnenden 20. Jahrhunderts, Wells‘ Protagonisten, dieses Paradies nicht akzeptieren: Toleranz der Utopen wird als Schwäche ausgelegt, Freiheit als Unmoral; und so schmieden die Erdlinge Pläne, dieser Welt ihren Stempel von Gewalt und Mißgunst aufzudrücken.

Ein Roman, der sicher in den 1920er Jahren gut funktioniert hat; heute aber verstaubt wirkt und mit dem permanent erhobenen Zeigefinger und über-idealisierend erzählt, wohl kaum jemanden dazu bringt, über die Fehlentwicklungen unserer Welt nachzudenken. Denn das ist zugleich das Erschütternde daran: auch wenn die Lage der Welt anders ist als 1923 – die Erdlinge in diesem Roman unterscheiden sich in Charakter und Handlungsweise kaum von der heutigen Menschheit; nachzudenken gäbe es also genug!


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