Stefan Zweig: Brief einer Unbekannten

verfasst am 15.10.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Erzählung, Zweig, Stefan

Von der Liebe einer Frau, die bis in den Tod andauert. Von der Gedankenlosigkeit des Mannes, der nimmt, aber alles sofort wieder vergisst.

Als Mädchen von 13 Jahren verliebt sie sich unsterblich in den Mann, der in die Wohnung nebenan einzieht. Sie fiebert zufälligen Begegnungen im Stiegenhaus oder vor der Haustüre entgegen, sie späht durch das Schlüsselloch, um einen Blick auf ihn zu erhaschen, sie beobachtet die Fenster seiner Wohnung, um zu sehen, wo er Licht macht, wo er sich gerade aufhält.

Zuerst noch eine mädchenhafte Schwärmerei, wird es immer mehr zu tiefer Liebe und dann zu einer wahren Obsession.

Ihre Mutter heiratet und zieht mit ihr von Wien nach Innsbruck. Für sie bricht eine Welt zusammen. Obgleich sie in Innsbruck viel Zuneigung und Geborgenheit von Mutter und Stiefvater erfährt, so kann sie es doch nicht erwarten, nach Wien zurück zu kehren.

Wenige Jahre später kann sie endlich zurück. Tagsüber bei der Arbeit, zieht es sie danach jeden Tag wieder zur Wohnung des Angebeteten – bis es soweit ist und sie endlich mit ihm ins Gespräch kommt. Sie ist nun 18 Jahre alt, eine junge, schöne Frau, zu der er sich hingezogen fühlt. Doch in der jungen Frau erkennt er das kleine Mädchen, dass einst Tür an Tür mit ihm wohnte, nicht.

Drei Nächte verbringt sie mit ihm; dann muss er verreisen, verspricht, sich nach seiner Rückkehr sofort zu melden. Doch das geschieht nicht, nichts ist von ihm zu hören. Aus den kurzen Affäre aber entstand ein Kind.

Sie bringt das Kind alleine zur Welt, verrät niemandem etwas von der Schwangerschaft. Um Geld zu verdienen, beginnt sie, sich zu verkaufen. Ihre Schönheit zieht Liebhaber an. Viele wollen mit ihr den Bund fürs Leben eingehen, mit ihr und ihrem Kind eine Familie gründen. Doch sie lehnt das immer wieder ab: standhaft, ausdauernd, in Gedanken immer bei ihrer immerwährenden Liebe.

Und schließlich kommt es zu einem neuerlichen Zusammentreffen. Er nimmt sie mit in seine Wohnung, diesmal im Bewusstsein, dass er für eine Liebesnacht bezahlt muss. Aber er erkennt sie wieder nicht.

Das Kind stirbt nach wenigen Jahren und sie sieht auch das Ende ihres eigenen Lebens vor sich. Vor ihrem Tod, sie mag noch keine 30 Jahre alt sein, schreibt sie dem Geliebten einen Brief, in dem sie ihm ihr ganzes Leben erzählt. Erst jetzt, als er dieses Brief liest, versteht er, warum er Jahr für Jahr zu seinem Geburtstag ein Geschenk erhielt – und warum es diesmal nicht kam.

Stefan Zweig beschreibt auf den nur knapp 80 Seiten eine Frau, ihr Leben und den Mann, an den sie schreibt. Mehr benötigt er nicht, um uns alles mitzuteilen, was man über die beiden Menschen wissen muss.

Der Brief ist eine furchtbar deprimierende Liebeserklärung, denn man weiß von Beginn an, warum er geschrieben wurde. Und er ist eine Anklage, ohne jemals anklagend zu sein. 

Sie liebt und findet keinen Weg aus dieser für sie so unseligen Verbindung. Ihre Gefühle ziehen sie immer mehr ins Verderben, doch sie kann sich nicht dagegen wehren, obwohl man ihr so viele Chance für einen Ausweg bietet.

Er lebt, liebt aber nicht. Seine Liebschaften, seine Affären ziehen vorbei, hinterlassen keinen Eindruck. Das eine geht, das nächste kommt, nichts ist wert, in Erinnerung zu bleiben.

Eine Verbindung zwischen so unterschiedlichen Charakteren ist niemals möglich. Man kann es nur erkennen und ihn vergessen; oder untergehen.

Noch viel mehr als Inhalt und Stil dieser Novelle beschäftigt mich die Frage nach dem Warum: warum schrieb Stefan Zweig dieses kleine Drama, was war der Ausgangsgedanke? War es ein wahres Ereignis oder ist es reine Fiktion?

Nun denn: der „Brief einer Unbekannten“ ist schnell gelesen, zur Seite legen wird kaum in Frage kommen. Während man ihn liest, ist man davon gefangen, ist erschüttert von ihrem Tod und dem Tod ihres Kindes, ist ratlos, ob der unerschütterlichen Zuneigung, ist überrascht, wie viele literarische Wendungen es gibt, um jemandem seine Liebe zu erklären. Doch, jedenfalls mir erging es so, ist man fertig mit dem Lesen, legt man es zur Seite und wendet sich ohne weiteren Gedanken daran dem nächsten Buch zu.



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