Franz Werfel : Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig

verfasst am 20.02.2018 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Erzählung, Werfel, Franz

Vater-Sohn Konflikt. Darum geht es in Werfels Novelle. Ein ewiges Thema der Literatur und sicher auch in der Psychoanalyse. Im Jahr 1920 schrieb Franz Werfel sein Gedanken zu diesem Thema in einer etwas über 100 Seiten langen Novelle nieder.

Der Vater: Karriereoffizier in der Armee seiner Majestät. Während eines Manövers macht er sich einen Namen bei seinen vorgesetzten Offizieren, rückt schneller vor, als es seinem Dienstalter entspricht. Generalstab, Korpskommando, Vertrauter des Thronfolgers, Erhebung in den Adelsstand. Eine Bilderbuchkarriere in der Donaumonarchie (obwohl diese nie als solche erwähnt wird).

Der Sohn: schon als Knabe dem militärischen Drill unterworfen, den Vater kennt er nur als den Mann, dem er an Sonntagen zu rapportieren hat, die Mutter kennt er als schweigsames, introvertiertes Wesen. Familie, Zuneigung sind Dinge, die nur die anderen Jungen seines Alters kennen, er selbst aber nicht.

Aus dem Knaben wird ein junger Mann, doch sein Leben wird noch immer vom schier übermächtigen Vater bestimmt. In einer fernen Garnison führt er ein zielloses Leben und lässt sich mit den falschen Leuten ein. Jetzt, als sein eigener guter Name gefährdet scheint, ruft – nein: befiehlt der Vater ihn zurück in die Hauptstadt um ihn in die Kriegsschule zu schicken.

Die Wendung tritt ein, als der Sohn die Bekanntschaft eines blinden Mannes macht, der ihn in eine Zirkel von Revolutionären einführt. Aus Moskau kommen die Anweisungen und eines Tages lauten diese den Zaren zu töten, der demnächst inkognito in die Hauptstadt der Monarchie kommen sollte.

In diesem Abschnitt der Novelle sind Vorgänge beschrieben, die in erschreckender Weise ihre Aktualität erhalten haben. Wie ein junger Mann, der in seinem ganzen Leben keine Geborgenheit, keine Familie und keine Zuneigung gekannt hat, der sich immer nur als getriebener fühlte, nie aber als ein Mensch, der ernst genommen wurde, wie dieser junge Mann – der Sohn – den Versprechungen der Revolutionäre blind glaubt. Endlich scheint er Heimat und Familie gefunden zu haben, endlich fühlt er, ernst genommen zu werden und als er selbst geschätzt zu sein.

Werfel beschreibt diese Momente so, wie wir sie uns auch heute vorstellen zu können, wie es sie immer gab und anscheinend immer geben wird. Nur sind es jetzt eben nicht mehr Revolutionäre, die den Zaren töten wollen. Heute sind es die Rattenfänger der religiösen Extremisten und der deutschtümelnden Hohlköpfe, die sich dafür anfälligen jungen Leuten als die Heilsbringer präsentieren können; und Erfolg damit haben.

Werfel schafft es, den Sohn als verwirrten Mann ungemein treffend zu beschreiben. Es ist aber auch eine Geschichte, die letztendlich für den Sohn ein gutes Ende nehmen wird.

Eine Geschichte, in der Werfel versucht, den Vätern seiner Zeit die Erkenntnis zu vermitteln, dass sie ihren Söhnen nicht kompromisslos und in alter Tradition den Lebensweg vorschreiben, sondern Rücksicht auf deren Individualität und Wünsche nehmen sollen.


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