Stefan Zweig: Angst

verfasst am 01.07.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Erzählung, Zweig, Stefan

Eine Novelle, die bei mir sehr gemischte Gefühle hinterlassen hat. Einerseits wird man von der über weite Strecken sehr eindringlichen Schilderung in den Bann gezogen, andererseits gründet sich die Auflösung, der Hintergrund sehr in einem längst überwundenen Rollenverständnis Frau-Mann.

Irene Wagner hat ein Verhältnis mit einem jungen Mann, einem Künstler, den sie bei einem Empfang kennenlernte. Ein paar diskrete Treffen folgten, dann der Moment, als sie sich bei einem Besuch in seiner Wohnung einfach ihren Gefühlen hingab. 

Es ist für Irene ein in diesem Augenblick wohltuender Moment in ihrem Leben. Acht Jahre Ehe mündeten in täglich wiederkehrenden Ritualen, die Leidenschaft (war sie überhaupt jemals wirklich vorhanden?) wich einem vertrauten aber ereignislosen nebeneinander. Nun aber fühlte sie wieder das Leben in sich.

Doch Irenes Hochgefühl hält nicht lange an. Gernau nämlich bis zu jenen Tag, als sie von einer ungestümen Frau aufgehalten wird, die von sich behauptete, die Freundinj ihres Geliebeten zu sein. Die übnerhaupt alles über dieses Verhältnis wisse und nun für ihr Schweigen gelegentliche Zuwendungen erwarte. Und obwohl Irene ganz genau weiß (ihr Mann ist Rechtsanwalt und hatte es ihr schon oft erzählt), dass sie sich damit wohl auf ewig der Erpresserin ausliefert, gibt sie nach und bezahlt.

Ein paar Tage lang hört sie nichts mehr von der Frau, glaubt schon an ein glückliches Ende. Auch ihren Geliebten sieht sie nicht mehr, um ja nicht weitere Zusammentreffen mit der Frau zu riskieren. Doch ihre Erleichterung hält nicht lange vor. Bald wird sie auf der Strasse angesprochen und dann verschafft sich diese Person auch noch Zutritt zu ihren Wohnung, presst ihr sogar den Verlobungsring ab, den Irene seit Jahren immer trägt.

Irene ist verzweifelt, sieht, wie ihr ganzes Leben einer Katastrophe zusteuert, denn den Verlust des Ringes wird ihre Familien zweifelsohne sofort bemerken. Eine Lösung wäre, es selbst zu beenden.

Bevor es jedoch dazu kommen kann, offenbart Irenes Mann, dass er hinter dieser Hinterlist streckt. Er habe die Frau engagiert um Irene dazu zu bringen, den Liebhaber zu verlassen und wieder zu ihm zurück zu kehren. Dass es soweit komme, dass wollte er nicht, es tue ihm leid. Irene kehrt erleichert in ihr gewohntes Leben zurück.

Ja, so war das damals.
Ich sehe es mir aber aus heutiger Sicht an:

Wäre es umgekehrt gewesen, hätte Irenes Mann eine Affäre gehabt, dann wäre er wohl kaum erpressbar gewesen. Denn so ein Techtelmechtel ist für einen Mann wohl akzeptabel, für eine Frau jedoch nie und nimmer.

Da ist es natürlich auch verzeihlich, ja verständlich, dass er Pläne macht und in die Tat umsetzt, die seine Frau beinahe in den Freitod stürzen. Hauptsache, er greift dann rechtzeitig wieder ein, gewissermaßen in Personalunion Rächer und Retter. Und die Frau ist glücklich und froh, dass er ihr das Verhältnis nicht weiter vorhält, akzeptiert frohen Herzens seine Entschuldigung und wenn sie nicht gestorben sind (oder vielleicht dann doch er einmal…), dann leben sie glücklich und gelangweilt bis ans Ende ihre Tage.

Und weil mich dieses Rollenbild tatsächlich ungemein stört, konnte mich das Buch auch nicht wirklich fesseln.



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