Steinfest, Heinrich: Gewitter über Pluto

verfasst am 28.11.2009 von | 1 Kommentar
Rubriken: Romane, Steinfest, Heinrich

Lorenz Mohn, Pornodarsteller am Scheideweg, ist nach 20 Jahren in der Branche von seinem Leben nicht mehr ausgefüllt. Mitten im Dreh lässt er also alles liegen und stehen und macht sich auf, ab nun Strickwaren zu verkaufen. (wenn ich jetzt weiter so schreibe, wird es …na ja) Seine Inspiration kommt aus dem Anblick einer seiner Mit-“Schauspielerinnen”, die sich die Drehpausen mit Stricken vertreibt.

Lorenz steht also während des Drehs unvermittelt auf und macht sich auf den Weg in sein neues Leben. Zwar nicht arm, aber ohne ausreichende finanzielle Mittel besinnt er sich eines Namens, der ihm in der Vergangenheit von vielen Seiten zugetragen wurde. Clair Montbard, die geheimnisvolle Frau die es zu fragen gilt, wenn es um nicht ganz alltägliche Finanzierungen geht und über deren Finanzierungen man nicht spricht.

Lorenz aber spricht mit ihr und findet sich alsbald in einem Pakt wieder, der ihn an einen Pakt mit dem Teufel denken lässt: an einem ganz bestimmten Tag, 7 Jahre  in der Zukunft, wäre das gewährte Darlehen zurück zu zahlen, ansonsten müsste er ein Leben retten. Was immer das bedeuten mag, da lässt sich Frau Montbard nicht in die Karten sehen.

In einem schmucklosen, leerstehenden Geschäftslokal, der ehemaligen Bäckerei Nix, findet er genau den richtigen Ort für seine neue Berufung (ich weiß nicht warum, aber ich dachte dabei unwillkürlich an die Barnabitengasse im 6. Bezirk in Wien). Im selben Haus findet er auch gleich die Frau, die er lieben will und wird. Die Nacht nach dem ersten Rendezvous verschäft er, weil zu erschöpft für den Weg in seine eigene Wohnung und alleine,  im Hinterzimmer seines Ladens  und am Morgen  findet er  zu allem Überdruß auch noch eine Leiche unter seinem Bett.

Wie ihm der Polizist Sterling (griechisch-englicher Abstammung) nach kurzer Ermittlung schon berichten kann ist jene Leiche die des Bäckers Nix und der selbst eines gewaltsamen Todes gestorben. Zweiteres hätte Lorenz aber auch selbst gewusst, denn die Blutlache, in die er an jenem Morgen trat, war einfach nicht zu übersehen.

Nicht zu übersehen – das ist das nächste Stichwort: nicht zu übersehen war in diesem Hinterzimmer die Leidenschaft des dahin geschiedenen Bäckers Nix – Fossilien, Artefakte aus längst vergangener Zeit und insbesondere der Archaeopteryx, dieser Urvater aller Vögel. Hingegen noch nicht sichtbar sind in diesem Augenblick die Verbindungen zu (Lebe)Wesen, Geschehnissen und Orten, die sich alle  in gerade diesem einen Fossil bündeln. So wird Lorenz Mohn ganz ohne Vorahnung, gleichsam wie eine Marionette,  in die folgenden Ereignisse gezogen. Und obwohl ein Mord stattfand wird es kein Krimi.

Ein sehr wesentliches Merkmal dieses Buches – und ich nehme an überhaupt ein wesentliches Merkmal des Schreibstils von Heinrich Steinfest, obwohl das eben nur eine Annahme ist, weil dies mein erster Steinfest ist – ein wesentliches Merkmal also ist es, in jeder Regung der Akteure, in jedem Gegenstand, in jedem Fortschreiten der Ereignisse, sogleich auch alle die möglichen, vielleicht auch die unmöglichen – nein, richtigerweise recht oft die unmöglichen, besser die unpassenden, anders gesagt die weit hergeholten – gedanklichen  Abschweifungen eben jener Akteure, also in Wahrheit die gedanklichen Abschweifungen des Schriftstellers beim Schreiben, in weiträumigen Gedankenspielereien auszubreiten.

mmh…. wo war ich stehen geblieben?

Ach ja, hier: somit  ist es also durchaus auch logisch, in einem Schubert-Lied diese zwangsläufigen Parallelitäten zu Auftragskillern oder Fernsehmoderatoren zu finden, sodass man sich fragt, warum man das selbst noch nicht heraus gefunden hat.  (daneben finden sich natürlich auch noch weitere Parallelitäten, aber ich will das jetzt nicht allzu ausschweifend beschreiben)

Während des Lesens  stelle ich mir vor, ich selbst würde von diesen kontinuierlichen  Gedankenexplosionen geplagt. Da würde kein Tag so richtig zu Ende gehen können, weil sicher noch ein Gedankengang darauf wartete, begangen zu werden. Oder praktisch gesagt: der morgendliche Weg (so ca. zwei Meter)  von der Dusche zum Waschbecken würde die gegebene Zeitspanne zwischen Sonnenauf- und untergang sprengen. Man hätte auf diesem Weg  zwar alles durchdacht aber nichts gemacht und überhaupt stünde man Stunden später noch immer am Anfang.

Den gedanklichen Spielereien zum Trotz  schreitet die Handlung voran:  eine phantasievolle Geschichte in einer sehr phantasievollen Sprache, die die Phantasie anregt. Verbraucht viel Konzentration und Geduld beim Lesen.  Geduld, die mir gegen Ende des Buches dann schon oft fehlte und mir somit beim seitenweisen Querlesen mit Sicherheit einiges entging. Wenn man Konzentration und Geduld aufbringen will –  lesens- und empfehlenswert.


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Sündi am 23.09.2010 um 11:55 Uhr Uhr

    Nach der Lektüre von „Cheng. Sein erster Fall“ war ich weder besonders begeistert, noch sehr enttäuscht, sprich für mich im Gegensatz zu Kollegin Elke also gutes Mittelmaß.
    Die restlichen Standfests wollte ich mir daher ersparen.

    Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!
    In meinem Fall in Form eines Geburtstagsgeschenks und da ich die Angewohnheit habe geschenkten Gäulen prinzipiell in die Mäuler zu starren, begann ich folgerichtig „Gewitter über Pluto“ zu lesen.
    Übrigens, wer nicht in den geöffneten Rachen blickt, wie der Volksmund ja beabsichtigt zu intendieren, offenbart einen Hang zu bodenloser Unhöflichkeit und dürfte ein beklagenswertes Opfer mangelhafter Erziehung sein.
    Soviel zu Floskeln und ihren wirklichen Bedeutungen!

    Aber weiter im Text! Obwohl ich mich damit auch bei „Gewitter über Pluto“ ein wenig in Opposition, diesmal zu Kollegen Andreas setze, sage ich frisch und frei von der Leber weg: dieses Pferd ist wahrlich agil, ja phasenweise brilliant zu bewegen.
    Eine wunderbare Persiflage auf Kriminalromane und SciFi-Literatur, fantasievoll und sehr flüssig erzählt – das geht runter wie Öl.
    Standfest erinnert mich über weite Strecken an große Meister der Satire wie Alek Popov oder Steve Toltz.

    Absolut lesenswert, quasi ein Lippizaner!

    Danke Claudia & Leonie & Sophie & Leo!

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