Pittler, Andreas: Ezzes

verfasst am 05.08.2009 von | 3 Kommentare
Rubriken: Kriminalromane, Pittler, Andreas

Wien, Juli 1927. Oberstleutnant David Bronstein von der Wiener Polizei muss den Mord am Wiener Greißler Oskar Guschlbauer aufklären. Dieser wird in seinem Geschäft brutal erstochen aufgefunden. Scheinbar will um diesen niemand so richtig trauern, er dürfte ein ziemlich aufdringlicher Typ, ein richtiger Ungustl, gewesen sein. Kein Hinterteil und kein Busen seiner angestellten Verkäuferinnen blieb unbegrabscht. Das rasch wechselnde weibliche Personal gehört bald zu den üblichen Verdächtigen. Immerhin stand der Tote laut Gerichtsmedizin kurz vor eine Ejakulation.

Guschlbauer arbeitete ursprünglich beim „Feinkost Wawra“ (wo später Qualtingers „Herr Karl“ tätig war). Danach hatte er von einer Hausbesitzerwitwe ein Zinshaus geerbt. Dort beutete er illegale Einwanderer mit erhöhtem Mietzins und Prostitution aus. Im Zuge der Ermittlungen sind Bronstein die Verdächtigen bald sympathischer als das Opfer selbst, bewegt er sich doch im Kreis all dieser jungen hübschen Frauen, die für Guschlbauer gearbeitet hatten. Bronstein, unverheiratet, manchmal sehr einsam und von Jelka, einer Kommunistin, die ihn – als aktive Teilnehmerin beim kommunistischen Putschversuch 1919 aufgrund ihrer Flucht nach Ungarn – von heute auf morgen verlassen hat, verfällt beim Anblick so viel jugendlicher Schönheit ins Grübeln. Immerhin ist er bereits 44 Jahre alt. Schon fast ein Greis.

Bronstein hat ein paar Tage frei, es fährt auf Sommerfrische, auf den Semmering. Während der Zugfahrt zum „Panhans“ wird ihm langweilig. Er beginnt Zeitung zu lesen und sich für die aktuelle Politik zu interessieren. Im burgenländischen Schattendorf hat eine Gruppe Rechtsradikaler, Mitglieder der „Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreichs“ (die 1935 wegen NS-Nähe verboten wurde) auf Republikanische Schutzbündler geschossen. Dabei wurden ein Invalide und ein Kind getötet. Der Prozess wird immer wieder vertagt.

Nach seinem dreitägigen Urlaub zitiert Polizeipräsident Schober den Bronstein zu sich und verlangt nach rascher Aufklärung des Mordes. Dieser Schober ist ein ausgesprochener Sozialistenhasser und will Bronstein als Grund für den Mord ein politisches Motiv aufdrängen. Während seiner Ausführungen lässt Schober auch einige antisemitische Bemerkungen vom Stapel. Bronstein, selbst Jude, kann sich nur mühevoll zurückhalten ihm verbal eine aufs Maul zu geben, will er doch nicht berufsmäßig zum Geherda (subalterner Laufbursche) degradiert werden.

Keine Frage, Bronstein hat nun enormen Druck, den Mord aufzuklären. Er findet auch die Mörderin und ihre Helferinnen. Trotz der Aufklärungsarbeit fehlt Bronstein nicht die Zeit, weiterhin gespannt den Prozess um die Mörder von Schattendorf zu verfolgen. Er war eigentlich immer regierungsloyal. Doch als die Mörder von Schattendorf freigesprochen werden, ist sein Rechtsempfinden ziemlich gestört. Und nicht nur seines. Tausende Menschen demonstrieren in Wien gegen dieses Urteil. Es kommt zum Schießbefehl gegen die Demonstranten. Der Justizpalast steht in Flammen.

Neben der Handlung rund um den Mord am Guschlbauer wird die Geschichte der Ersten Republik spannend und lebendig mitgeschrieben. Ein Kriminalroman verbunden mit einem für die Erste Republik elementarem Ereignis – dem Brand des Justizpalastes. Pittler selbst ist promovierter Historiker und Politikwissenschaftler. So hat er sein Wissen um die Politik erstklassig in den Roman eingewoben. Der Autor bedient sich dabei einer altmodisch klingenden Sprache (Glossar im Anhang). Meine Empfehlung: unbedingt lesen! (Wären mehr als 5 Sterne zu vergeben, diesmal wäre ich glatt für die 7!) Wirklich ein hervorragendes Buch!



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 3 Kommentare


  • Kommentar von  michae_la am 15.01.2010 um 15:47 Uhr Uhr

    museumstipp:
    in der ausstellung „Kampf um die Stadt –
    Politik, Kunst und Alltag um 1930“ im wr künstlerhaus sind bis 28.3.2010 ua die gutachten vom schattendorf-prozess zu sehen (http://www.wienmuseum.at/de/ausstellungen.html?fsize=1&tx_wxexhibition_pi1[showUid]=16&cHash=6658968217)

    tipp am rande: für diese ausstellung sollte mann/frau sich viel zeit nehmen oder einen 2. besuch einplanen.

  • Kommentar von  emil steinerl am 27.12.2009 um 22:08 Uhr Uhr

    s. buch zum thema schattendorf 1927 justizpalastbrand. norbert leser u. paul sailer-wlasits: 1927 als die republik brannte. von schattendorf bis wien.ed. va bene 2002

  • Kommentar von  Klinger C. am 19.11.2009 um 16:54 Uhr Uhr

    Geniales Buch, unbedingt Lesen, wäre für mich Pflichtlektüre an den AHS.

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