Haas, Wolf: Das Wetter vor 15 Jahren

verfasst am 14.07.2011 von | 2 Kommentare
Rubriken: Haas, Wolf, Romane

Wenn man sich die Mühe macht verschiedene Literaturführer zu studieren, wird man zur Auffassung gelangen, dass die Entwicklung dieser Kunstgattung im 19. Jahrhundert irgendwie stehen geblieben ist. Alles was danach publiziert wurde, ist ein mehr oder weniger gutes oder schlechtes Verwalten des Status Quo, aber im Grunde genommen „still more of the same“. Und dann kommt der Wolf Haas (in meinen Fingerkuppen brannte bereits die Bezeichnung Tausendsassa) und liefert mit „Das Wetter vor 15 Jahren“ eine echte literarische Innovation, um nicht zu sagen Sensation.

Wolf Haas beschreibt im vorliegenden Buch nicht nur eine Liebesgeschichte (Gott sei Dank nach all den grauenhaften Morden und Verstümmelungen in den Brenner-Romanen), sondern vor allem die Rezension dieser Liebesgeschichte in Form eines sich über Tage erstreckenden Interviews einer Literaturredakteurin mit Wolf Haas.

Literaturbeilage: Herr Haas, ich habe lange hin und her überlegt, wo ich anfangen soll.

Wolf Haas: Ja, ich auch.

Und dann geht’s los auf die 224-seitige Reise durch die Humor- und Gefühlswelten des Wolf Haas beim Schreiben des fiktiven Buches. Denn um die Kürche von Anfang an im Dorf zu lassen (dort gehört sie auch hin!), dieses Buch gibt es ja nicht würklich, sondern eben nur das tagelange Gespräch, sozusagen die Reflexion über den Text von Wolf Haas mit der bestens vorbereiteten Journalistin. Wenn sie so wollen, könnte man „das Wetter vor 15 Jahren“ auch als Metabuch, also ein Buch über ein Buch bezeichnen.

Oder für die Literaturwissenschafter unter uns durchbricht Haas den literarischen Instanzenzug Protagonist – Erzähler – Autor (wobei der Autor im Regelfall eine reale Person ist) dadurch, dass eben auch der Autor Wolf Haas im Buch fiktiv ist.

Und das Endergebnis ist eine der seltsamsten, witzigsten und intelligentesten Liebesgeschichten, die man sich vorstellen kann – wenn sie sich das nach meinen Worten überhaupt vorstellen können!

Nun aber zum Inhalt. Eigentlich beginnt alles mit einem Kuss. „Geht man vom äußeren Augenwinkel einen Zentimeter nach unten, kommt man zum Backenknochen. Und dann in einer geraden Linie weiter, noch einen Zentimeter. Dort hat Anni mich hingeküsst.“ Und es endet auch alles mit diesem Kuss.

Vittorio Kowalski, ein 30-jähriger Zechenabbau-Ingenieur aus dem Ruhrpott studiert seit 15 Jahren das Wetter im fernen Alpendorf Fermach. Temperatur, Niederschlagsmenge und Sonnenscheindauer kann er dem jeweiligen Datum zuordnen. Eines Tages wird er mit seinem sonderbaren Spezialwissen gar Wettkönig in der Fernsehshow „Wetten dass…?“ – sie erinnern sich, die mit dem großen Blonden! Jedenfalls kann sich niemand Vittorios seltsame Neigung erklären.

Aber in Fermach sitzt Anni Bonati vor dem Fernseher und erkennt den schüchternen Wettkandidaten wieder. Anni war die Tochter des Zimmervermieters und Vittorio der Sohn von Urlaubsgästen. Die beiden Kinder verbrachten jeden Sommer gemeinsam und es entwickelten sich, wie man so schön sagt Gefühle. Einerseits Scham über das peinliche Verhalten der Eltern, andererseits aber auch die zarten Bändchen der Liebe – bis ein Unglück sie für immer trennte.

Wolf Haas, der selbst keinen Fernseher besitzt, verfolgt den Auftritt bei Freunden, ist begeistert von Kowalski und beginnt zu recherchieren. Schließlich setzt er sich ins Auto und fährt nach Essen, um den Sonderling zu treffen. Dieser ist aber in das Bergdorf gereist, da er von Anni nach der Sendung eine Postkarte erhalten hat und platzt dort mitten in die Hochzeitsvorbereitungen seiner Jugendliebe.

Auch Haas begibt sich daraufhin nach Fermach und wird Zeuge einer weiteren Katastrophe von beinahe alttestamentarischen Ausmaßen. Und was sich der Autor da für den Schluss hat einfallen lassen, das geht, weil es so schön in den Landschaft passt in der der Roman spielt muss ich es erwähnen, auf keine Kuhhaut nicht.

Ceterum censeo Sommerunterhaltung auf höchstem Niveau und das nicht nur weil sich eine gelbe Luftmatratze auf dem Cover des Buches befindet. Der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis war neben den hohen Verkaufszahlen der gerechte Lohn dafür.


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 2 Kommentare


  • Kommentar von  Birgit_Wo am 17.07.2011 um 16:49 Uhr Uhr

    Ging mir genauso! Eine wirklich gute Rezension für ein tolles Buch!

  • Kommentar von  Elke am 14.07.2011 um 17:23 Uhr Uhr

    Hab das Buch vor langer Zeit gelesen, den Geruch dieser Luftmatratzen hab ich heute noch in der Nase :o)

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