Haas, Wolf: Der Knochenmann

verfasst am 10.07.2009 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Haas, Wolf, Kriminalromane

„Jetzt ist schon wieder was passiert!“ – und das ausgerechnet im Frühling, wo normalerweise das Leben erwacht. Aber diesmal ist es genau umgekehrt gewesen. Und wenn früher die Polizei nicht mehr weitergewusst hat, ist der Fall einfach zum Eduard Zimmermann in „Aktenzeichen XY“ weitergeleitet worden, weil vielleicht hat ja irgendwer was gesehen und kann ein bisschen sachdienen.

Aber unter uns gesagt, erwischt haben sie mit dem Fernsehen dann doch eher selten einen kapitalen Mörder, die kleinen Betrüger ja, aber dem Knochenmann war so nicht beizukommen. Wie soll auch ein Fernsehzuschauer, sagen wir in Hamburg irgendetwas mitbekommen haben, was im kleinen oststeirischen Ort Klöch vor sich gegangen ist. Da muss dann schon der gute, damals noch nicht so alte Privatdetektiv Simon Brenner herhalten, um den äußerst verzwickten Fall zu lösen.

Aber vielleicht alles schön der Reihe nach: die Familie Löschenkohl betreibt im steirischen Klöch die größte Backhendlstation der ganzen Steiermark, mit dem Charme einer Möbelhalle oder vergleichbar einem Hangar, wo sie immer die Jumbojets unterstellen. Auch die Portionen sind Jumbo und da kommen auch viele Wiener Ausflügler zum Löschenkohl, „wenn sie nicht mehr wissen, wie sie ihre verfressenen Kinder sonst satt kriegen sollen.“

Da fällt dann natürlich täglich ein richtiger Hühnerknochenberg an, der mit einer Knochenmehlmaschine wieder zu Tierfutter verarbeitet wird. Vielleicht verwenden sie ja das Knochenmehl auch zum Panieren der Hendln, so genau weiß man das nicht. Ja, das ist der Kreislauf der „Natur“, also Vegetarier aller Länder vereinigt euch!

Eines Tages befinden sich im Knochenberg allerdings Menschenknochen und das Unheil nimmt damit seinen Lauf. Laufend verschwinden Menschen und tauchen dann in Teilen wieder auf, wie zum Beispiel ein Kopf in einem Ballsack des örtlichen Fußballvereins. Da die Polizei wieder einmal im Dunklen tappt, engagiert die Schwiegertochter vom Löschenkohl, die dann aber ebenfalls verschwunden ist, den Brenner, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Und der Brenner stolpert, wie es seine umständliche Art ist, mehr durch die Ermittlungen, als dass er sie zielgerichtet und analytisch aufnehmen würde. Man fiebert beim Fußballcupspiel Klöch gegen Oberwart mit, unternimmt eine Seniorenbusreise mit Rheumadeckenverkaufsveranstaltung nach Slowenien oder begleitet den Brenner in das Radkersburger Bordell „Borderline“.

In typischer Manier erzählt Wolf Haas vom Leben in einem kleinen österreichischen Dorf und erörtert die damaligen Probleme: die Nähe zu Jugoslawien, den Krieg, die Gastarbeiter – alles natürlich mit beißendem schwarzen Humor. Die Krimihandlung ist wieder einmal nur Nebensache, die Ermittlungen, die den Brenner eigentlich nur langweilen, dienen Haas zur Analyse verschiedener Empfindungen, Sehnsüchte und Schwächen, praktisch ein Ausleuchten der österreichischen Mentalität. Typisch auch der als Figur nicht vorhandene Erzähler, der für die auf den ersten Blick absurden Gedankengänge verantwortlich ist.

Für mich ist „Der Knochenmann“ neben „Silentium“ der beste Roman aus der Brenner-Serie. Auch die vor kurzem angelaufene Verfilmung ist ausgezeichnet, obwohl sich der Film kaum an der Handlung des Buches orientiert und quasi nur die Figuren verwendet.

Da ich ein ausgewiesener Backhendlfanatiker bin, bereitete es mir großes Vergnügen mich mit einem Backhendlsalat ins Kino zu setzen und allein durch den Geruch die anderen Kinobesucher fast in den Wahnsinn zu treiben. Also ihr seht, man kann vom Brenner auch einiges für den Alltag lernen!



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