Wolf Haas: Junger Mann

verfasst am 19.09.2018 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Haas, Wolf, Romane

So sehr ich mich auf dieses neue Buch von Wolf Haas gefreut habe, so schwer fällt es, mir eine Meinung darüber zu bilden. Denn gegenüber seinem letzten Roman “Die Verteidigung der Missionarsstellung” – ein wirklich großartiges Buch – fehlt diesem ein wenig das Herausragende.

Aber der Reihe nach: das Jahr 1973, der junge Mann, der Protagonist des Romanes ist 13 Jahre alt. Ob und wie viele autographische Züge diese Figur trägt, sei dahin gestellt – klar ist jedenfalls, dass sie sich mit Wolf Haas das Geburtsjahr teilt. Daraus ergibt sich auch, dass alles zu Beginn der 1970er-Jahre spielt. Abgesehen davon könnte der Roman allerdings in jedem beliebigen Jahr spielen; bis auf ein paar wenige, nostalgische Erwähnung von damals Aktuellem, ist die Geschichte zeitneutral.

Der junge Mann ist etwas übergewichtig, etwas zu groß geraten für sein Alter und er geht natürlich zur Schule. Nebenher arbeitet er an der Tankstelle, wo er prompt seine erste große Liebe erblickt: Elsa, Tschos Freundin und ein paar Monate später dessen Ehefrau. Von dieser Eheschließung in seinen Gfühlen jedoch keineswegs gedämpft, findet er bald Kontakt zu Elsa – Hoffnung auf alles mögliche (aber worauf genau, davon hat er mit seinem 13 Jahren sichtlich keine Idee) keimt auf.

Elsa möchte Englisch lernen und bittet ihn, ihr dabei zu helfen. Was für eine grandiose Chance, die Angebetete regelmäßig zu sehen. Und Tscho, der Ehemann? Der ist LKW-Fahrer, oft wochenlang irgendwo auf dem Balkan oder in Persien unterwegs.

Wolf Haas schreibt ungemein schnörkellos und lässt auch weitgehend seine sprachlichen Winkelzüge weg (also  das, was ihn für mich zu einem herausragende Schriftsteller macht).

In kurzen Sätzen erzählt Haas die Geschichte vom jungen Mann und Elsa und Tscho und er trifft dabei genau den richtigen Ton, um sie alle – und auch die weiteren Nebendarsteller – bis ins kleinste Detail, bis in den letzten Winkel ihrer Seele zu beschreiben. Beschrieben werden sie über das, was sie sagen, über das, was sie tun; eben so, wie wir einen anderen Menschen erleben würden und uns daraus ein Bild über sie/ihn machen würden.

Das ist schon sehr, sehr gut gemacht.

Die Geschichte ist dabei denkbar unspektakulär: die Englischstunden, die Begegnungen mit Tscho, die in einen überraschenden Road-Trip münden. Die Arbeit auf der Tankstelle, die Besuche beim Vater, den der übermäßige Alkoholkonsum ins Irrenhaus gebracht hat, die stets unsichere Mutter. Der betont lässige Teenager und wie er, gelegentlich schon etwas altklug, die neuen Eindrücke erlebt und verarbeitet und wie sein Lebensweg den der anderen beeinflusst (und umgekehrt).

Die Sprache des Buches ist geradlinig, schnörkellos – lakonisch wäre das passende Wort für solche einen Schreibstil. Genau passend, um mit wenigen Worten alles zu erklären, hie und da ein Schmunzeln oder einen wieder-erkennden Blick auf etwas aus den 1970ern produzierend. Wolf Haas arbeitet auch in diesem Buch mit der Sprache, jedoch völlig anders als zuletzt: weniger kunstvoll und verwinkelt, dafür so weit wie möglich reduziert.

Ein schnell gelesener Roman, die Sätze fließen nur so dahin, die Sprache bringt es immer genau auf den Punkt. Aber unbändige Begeisterung will sich nicht so recht einstellen; nur ein wenig davon.


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