Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung

verfasst am 06.09.2012 von | 7 Kommentare
Rubriken: Haas, Wolf, Romane

Zu diesem Buch habe ich folgendes sagen: 1. fand ich es schlicht und ergreifend genial und 2. habe ich vorerst einmal keine Idee, wie ich Inhalt und Leseerlebnis beschreiben soll.

Bleibt nichts anderes übrig, als die Sache ganz systematisch anzugehen –  von vorne nach hinten gewissermaßen.

Vorne:  beginnt das Buch mit einem „V“ und dem Wort „Verrate“ und das ist genau jener Buchstabe/jenes Wort ab dem ich wusste, dass das hier eine wirklich tolle Sache werden wird. Also ab sofort –  ab Seite 1, Absatz 1, Satz 1, Wort 1. Eine Handlung:  ja, so etwas gibt es auch, wenn auch nicht im ur-eigentlichen Sinn eines fortlaufenden Geschehens – davon ein wenig später. Und Hinten: sieht es aus wie ein Anfang …

Zuerst ein wenig über die Sprache:

Im Vordergrund steht ganz einfach die Sprache. Da liest man Sätze, die man noch ein paar Mal zwischen den eigenen Gehirnwindungen hin- und herumtollen lässt, die anschließend vielleicht noch einmal gelesen werden wollen und erst nach dieser Prozedur den Weg frei geben für den nächsten Satz.

Ganz ehrlich, ist es mir sehr oft passiert, dass ich mir dachte, dass ich den eben gelesenen Satz nochmals lesen muss. Nicht, weil er unverständlich gewesen wäre, nein, sondern weil er so grandios, so witzig, so absurd, so Haas war.

Und das Erstaunliche dabei ist, dass mir viele dieser gelesenen Gedankenabläufe so extrem vertraut vorkamen. Etwas, das im Buch ganz oft geschieht, ist dies: Benjamin Lee Baumgartner denkt alles, was er tatsächlich sagen wollen würde, spricht aber nur das aus, was man gemeinhin so sagt in so einer, eben der jeweiligen, Situation.

Es ist jetzt wahrscheinlich besser, ich erkläre kurz, was ich meine: wenn man sich vorstellt (und das stammt jetzt nicht aus Haas‘ Feder), man sieht einen tollen Menschen auf sich zukommen, malt sich alles mögliche aus, spielt geistig ein paar lockere Begrüßungsworte durch, überlegt, wo man in der Nähe einen gemeinsamen Kaffee …, alles innerhalb der paar Sekunden, die man aufeinander zugeht und wenn man endlich den Weg kreuzt sagt man nur: „bitte, nach Ihnen“.

Dann ein wenig über den Inhalt:

Wolf Haas erzählt über das durchaus unglückliche, gleichzeitig aber auch glückliche Liebesleben des Benjamin Lee Baumgartner. Der pflegt sich immer dann zu verlieben, wenn irgendetwas einem dauerhaften oder sogar lebenslangen Verliebtsein im Wege steht. Einmal (in London, im Jahr 1988 ist es) sieht er diese wahrhaft zauberhafte, wunderschöne  Hamburgerverkäuferin, die aber zwei Tage später in Ihre Heimat zu ihrem Verlobten zurück fliegt.

Dann folgt eine Verliebtsein-Zeit in Peking (2006) und eine familiäre Spurensuche in New Mexico (2009) und ein mit Verliebtsein zu begründender Umzug nach Hamburg (2011) und zwischendurch eine Ehe samt deren Ende, welches sich zwangsläufig als Folge seiner (anderswo) Verliebtsein-Zeiten ergibt.

Dass es just an den Orten, die er so im Laufe der Jahrzehnte bereist und bewohnt,  regelmäßig zu Ausbrüchen von irgendwelchen pandemischen, potentiell menschheitsbedrohenden, nicht zu vergessen pharmaindustrie- und ministeringattenfördernden Seuchen kommt, das ist vielleicht ein Zufall der Geschichte. Oder aber auch nicht. Zu erfahren ob mehr Querverbindungen von Liebe zu Seuche bestehen, ist ist eine Frage des Das-Müssen-Sie-Jetzt-Bitte-Selbst Lesens.

Zwischen diesen Erzählung über den leicht verliebbaren Benjamin immer wieder Geschichten über den Wolf Haas, wie er das tut, wie er jenes denkt, wie er sich an dieses erinnert. Das ist dann immer eine Spielerei mit Wahrheit und Phantasie und hilft mit, zur gänzlichen und heillosen Verwirrung beizutragen. Erschwerend kommt dazu, dass sich diese Abschnitte fast autobiografisch lesen. Aber weil man dem Mann (Wolf Haas) ja – literarisch gesehen – keine Silbe weit trauen sollte, mache ich das auch nicht.

Und dann passiert es: Geschichte und Buch und Autor und Darsteller und Wirklichkeit (?) treffen aufeinander. Das hat etwas von Kernfusion, ein Art Buch in Buch-Urknall, der Beginn eines sich ausdehnenden und dann wieder kollabierenden Universums.

In Wahrheit aber ist alles, was unter Handlung zu verstehen ist, doch nur das Fundament, auf dem Wolf Haas seine Sprache und seine Ideen wachsen lassen kann.  Humus und Vegetation. Und daraus wächst es, dass es nur so die reine Freude ist!

Und nun ein wenig über unseren eigenen Beitrag als LeserIn:

Zusätzlich zum Lesen erwartet Wolf Haas auch noch weitere Mitarbeit von uns. Arbeitsteilung kann man es nennen, wenn sich zwischendurch immer wieder kurze Regieanweisungen finden. Nicht ausformuliert, nein, als Anweisung, was man sich nun vorzustellen habe – und man stellt es sich tatsächlich vor.

In einem Interview nannte Wolf Haas das sinngemäß, wenn ich mich recht erinnere, ökonomisches Schreiben. Dabei wird die Leserin/der Leser nicht mit unnötigen Wörtern bombardiert, wenn doch jede/r anhand einer kurzen Anweisung sich von so vielen Orten und Geschehnissen, die zu unserer alltäglichen Welt gehören, selbst ein Bild machen könne. Und damit hat er recht!

Überhaupt hat er recht, dieses Buch geschrieben zu haben.

Als Zwischen-PS ein paar unserer weiteren Aufgaben als LeserIn, ganz kurz aufgelistet: Chinesisch können, Buch in alle Richtungen drehen, eine (sehr stark vergrößernde) Lupe holen.

Eine Nachricht an den Autor:

„Lieber Herr Haas!

Es war inspirierend, witzig, genial und großartig (hatte ich davon schon etwas gesagt?). Manchmal musste ich laut lachen (und habe mich dann immer umgesehen, ob jetzt jemand mitleidig zu mir herüber sieht), aber ich verzeihe Ihnen, dass Sie mich in diese Momente der manchmal öffentlichen Peinlichkeit gebracht haben. Ich beneide Sie um Ihre Gedankengänge und darum, wie Sie diese Gedankengänge dann auch noch aufs Papier bringen (denn in Gedanken sind ja wahnsinnig viele Menschen witzig und genial. Aber wie viele schaffen es dann, das auch so öffentlich demonstrieren zu können?).

Ich wollte, ich könnte jetzt den Karl Farkas zitieren (a la „schaun Sie sich das an“), aber für Haas-Bücher hat selbst dieser legendäre Mann nichts Passendes auf der Zunge gehabt. Haas-Bücher bleiben einzigartig und dieses hier ist wohl das bislang einzigartigste (gibts dieses Wort überhaupt?)  von allen.

Ihr ganz begeisterter
Andreas“

Zum Abschluss:

Wer dieses Buch nicht liest, ist selber schuld und der/dem kann nicht geholfen werden!

Und ein kleines PS muss auch sein:
wer sich aufgrund des Titels ein bisserl etwas Versautes erhofft, braucht es nicht zu lesen – dann sind Sie hier in der falschen Abteilung!


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 7 Kommentare


  • Kommentar von  Lukas am 23.04.2014 um 18:55 Uhr Uhr

    Hallo,

    habe das Buch für den Deutsch Unterricht gelesen.

    Hat mir sehr Gefallen!!!

  • Kommentar von  Lizzy am 25.02.2013 um 16:20 Uhr Uhr

    Ich hab das buch gelesen und war leider erst ab seite 1, absatz 1, zeile 1, wort 2 unsterblich verliebt ;)
    Aber abgesehen von der abnormalen genialität dieses buches mal zu was andren:
    Wie genial is eigentlich diese rezension?
    Glg,
    Leseratte lizzy

  • Kommentar von  Elke am 05.01.2013 um 11:53 Uhr Uhr

    Ein tolles Buch!
    Trotzdem: die Brenner-Krimis waren lustvoller zu lesen!!

  • Kommentar von  christian Klinger am 14.11.2012 um 17:22 Uhr Uhr

    Lieber andreas! Du hast recht, das ist ein außergewöhnliches Buch, wobei ich mich frage, ob das noch Buch und nicht schon Kunstwerk ist (wo liet da eigentlich der Unterschied).Ich geh jetzt gar nicht auf Semantik, Sprachwitz und dergleichen ein. Ich muss sagen, selten habe ich mich bei einem Buch in letzter Zeit so gut unterhalten und so viel gelacht. Der einzige Part, mit dem ich Schwierigkeiten hatte, war interessanter Weise die Passage, wo Haas wie Haas schreibt, da hab ich mich im Gegensatz zu den anderen Teilen drüberquälen müsen und ich weiß nicht warum. Aber selten hatte ich das Gefühl, dass hier etwas geschaffen wurde, was es davor in der Form nicht gegeben hat. ´Haas ist, und das sage ich nicht leichtfertig, auf seine Art genial.

  • Kommentar von  chrisu am 18.09.2012 um 10:29 Uhr Uhr

    Danke Wolfgang Haas, du lässt uns teilhaben an
    einem Ausflug in eine Welt der deutschen Sprache
    die wir bisher so nicht kannten.

    Weiter so

  • Kommentar von  Christian am 17.09.2012 um 18:32 Uhr Uhr

    Bin ein Haas Fan der ersten Stunde u. daher umso
    ergriffener wie schnell ein früheres Idol vom Rinderwahn befallen wurde.
    Das Buch ist langweilig bringt in Wirklichkeit nichts neues, hat keinen Wortwitz etc.
    Die einzige Spannung die sich dem Leser offenbart besteht in den chinesischen Schriftzeichen u. auch da nur wenn man kein Chinese ist. Sorry Hr. Haas das war nichts.

  • Kommentar von  Inge Gampl am 17.09.2012 um 09:37 Uhr Uhr

    Obwohl ich gewöhnlich nicht leiden kann, wenn ein Titel nicht hält, was er verspricht, werde ich infolge der Beurteilung durch Andreas die „Verteidigung der Missionarsstellung“ (mangels Interesses daran) nun genau wegen dieses Wortbruches kaufen (und lesen).
    Inge

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