Haas, Wolf: Der Brenner und der liebe Gott

verfasst am 05.09.2009 von | 12 Kommentare
Rubriken: Haas, Wolf, Kriminalromane

Ob du es jetzt glaubst oder nicht, aber der Brenner ist wieder da! Du wirst sicher sofort sagen, na der hat mir gerade noch gefehlt zu meinem Glück. Immer das Negative, das Depressive, die Inkonsequenz und das Grausliche.

Aber jetzt pass auf. Da täuscht du dich, weil der Brenner plötzlich wie ausgewechselt, mehr das Positive und die Ruhe in Person. „Hör zu, warum soll jedes Blutbad mein persönliches Bier sein? An und für sich sage ich schon lange, sollen sich die Jungen drum kümmern, quasi Credo.“

Wenn du „das ewige Leben“ gelesen hast, dann weißt du ja, dass der allwissende Erzähler durch eine schnöde Pistolenkugel getötet wurde, praktisch Problem. Wer soll denn nun die Geschichte erzählen, weil der Brenner nicht unbedingt Plappermaul, eher Gegenteil.Aber Haas wäre nicht Haas, hätte er nicht eine verblüffend einfache Lösung gefunden, um den Erzähler aus der Unterwelt wieder zwischen die Buchdeckel zurückzuholen.

„Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen“, lautet der Auftaktsatz des neuen Romans. Da sich anscheinend niemand fand, um den Ratschlag der Oma in die Tat umzusetzen, ist der Erzähler also wieder da und berichtet furios in seiner vulgärphilosophischen Art, wie es mit dem Brenner weitergegangen ist. Und das musst du dir auf jeden Fall anhören, weil interessant.

Der Brenner, eigentlich jetzt „Herr Simon“, hat einen gutbezahlten Job als Chauffeur beim Bauunternehmer Kressdorf in München angenommen. Die Frau Doktor Kressdorf betreibt in Wien eine Abtreibungsklinik und der „Herr Simon“ kümmert sich liebevoll um die zweijährige Tochter Helena.

Gemeinsam verbringen sie unzählige Stunden auf der Autobahn zwischen Wien und München. Aber auch Kitzbühel, weil dort Almhütte der Kressdorfs. Da darf es dich gar nicht wundern, das die ersten Worte der kleinen Helena nicht „Mama“, nicht „Papa“, sondern „Fara“ waren, praktisch Seelenverwandtschaft.

Wenn du aber heute eine Abtreibungsklinik betreibst, dann hast du auch deine Feinde, sprich demonstrierende „Rosenkranzrowdys“ der Initiative „Pro Leben“ vor dem Eingang der Klinik. Und auch ein Baulöwe nicht von allen geliebt, frage nicht.

Deswegen haben die Kressdorfs auch den Brenner ausgewählt, weil Polizeivergangenheit, quasi auch ein bisschen Leibwächter für die Helena.

Aber sind wir uns ehrlich, der „Herr Simon“ wäre nicht der Brenner, wenn es lange dauern würde, bis wieder was passiert, quasi permanenter Pechvogel.„Ein schöner, sonniger Morgen war das, und mit dem besseren Herzschlag vom Espresso hat er die paar Schritte von der Shoptür zum Auto richtig mit einer Einstellung gemacht, wo man sagt, Leben vollkommen okay. Wenn man bedenkt, wie er noch vor einem Jahr beisammen gewesen ist, muss man ehrlich sagen, Hut ab vor den Tabletten.“

Doch wie der „Herr Simon“ auf der Tankstelle an der Wiener Stadtausfahrt in das Auto einsteigen will, ist die kleine Helena verschwunden, sprich Entführung.

„Der Herr Simon war sich ehrlich gesagt nicht sicher, ob das Auto, bevor er es tausendmal auf- und zugesperrt hat, ganz am Anfang zu war. Aber Auto offen oder zu, das macht für einen Kriminellen ungefähr so einen Unterschied wie für eine Pistolenkugel die Frage, welchen Schutzfaktor die Sonnencreme hat, an der sie auf dem Weg in deine Stirn vorbeikommt.“

Nachdem die ehemaligen Kollegen vom Brenner keine Spur von dem Kind finden, macht sich das alter ego vom „Herrn Simon“, also der Brenner selbst auf die Suche nach der Helena, denn „bei der Polizei dauert es drei Wochen, bis sich überhaupt ein Zuständiger findet, der gerade im Krankenstand ist und danach sagt: Jetzt ist es zu spät, das Verbrechen ist verjährt.“

Damit setzt sich der Krimiplot in Gang und Haas dirigiert virtuos sein Figurenarsenal übers Spielfeld. Der Knoll, der Chef von der Initiative zum Schutz des ungeborenen Lebens, hat der Frau Dr. Kressdorf einmal gedroht und nebenbei erpresst er sie mit einem Video, praktisch erster Verdächtiger.

Der Autor spinnt ein Netz an Handlungsfäden und Motiven und zeichnet ein sarkastisches Bild der Verfilzung von Politik und Wirtschaft. Neben anderen tritt ein jagdbegeisterter Direktor einer mächtigen schwarzen Bank mit dem Namen „Herr Reinhard“ auf. Ein Schelm, wer da an den Raiffeisengeneralanwalt Christian Konrad denkt.

Aber auch die Liebe kommt wieder einmal nicht zu kurz und so reißt es den Brenner ein bisschen zwischen der Anstaltspsychologin Natalie und einer naturbegeisterten Südtirolerin, die schon drei Jahre die Straße in der sie wohnt nicht mehr verlassen, hin und her. Immer mehr Fäden werden zu einem starken Tau verwoben und alles kulminiert in einem großen Showdown in und um die Jauchegrube der Kitzbüheler Almhütte, in der ein paar Menschen ihr Leben verlieren. „Da ist eine Partie zusammenkommen, wo man fast sagen muss, ein kleines Kunststück, dass man eine Scheißegrube qualitativ noch verschlechtern kann.“

Wolf Haas hat in einem Interview gesagt, dass ihm das Schreiben leicht von der Hand ging und das merkt man auch. Alles entsteht aus diesem unnachahmlichen Klang der Sprache vergleichbar mit dem Sound des Films „Pulp Fiction“.

Meine Botschaft an alle die den Brenner nicht mögen: Finger weg von diesem Buch! Aber für uns Gläubige ist es ein Muss!!! Für mich ist es der beste Brenner. Bisher. Vielleicht können wir in den Kommentaren eine Debatte beginnen, ob du das auch so siehst. Würde mich freuen auch andere Meinungen zu hören, praktisch Vielfalt.

PS: Aber einen Vorwurf kann ich dem Brenner trotzdem nicht ersparen. Oder eigentlich sind es zwei. Weil wenn der Brenner am Vortag nicht vergessen hätte zu tanken oder dann auf der Tankstelle ein bisschen schneller beim Schokoladeaussuchen für die Helena gewesen wäre, hätte es wahrscheinlich sieben Begräbnisse weniger gegeben.

Aber damit muss er selber klar kommen. Vielleicht helfen ihm ja seine Tabletten.

Ich wünsche es ihm von ganzen Herzen!



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 12 Kommentare


  • Kommentar von  Sündi am 20.05.2010 um 22:57 Uhr Uhr

    Der letzte Kommentar von peda reizt mich zu einer Replik und fast alles was mich reizt, dem muss ich mich auch hingeben.

    Normalerweise wird der Schreibstil von Wolf Haas kritisiert, den mag man/frau oder auch nicht, diesmal jedoch der Inhalt – eine neue Facette.

    Die Handlung als „an den Haaren herbeigezogen bzw. künstlich aufgeblasen“ zu bezeichnen möchte ich, mit Verlaub, als Verkennung der österreichischen Realität bezeichnen.
    Hier möchte ich Kurt Palm zitieren, der bei einer Lesung kürzlich in Linz meinte, so skurill kann kein Schriftsteller schreiben, als das die Realität dies nicht immer noch leicht übertreffen würde.
    Der Mann hat recht und ich würde dies bei Betrachtung der „Vorkommnisse“ in unserem Land in den letzten Jahren auch so sehen.

    Den Leser „ärgerlicherweise“ auf die falsche Fährte zu führen, gehört für mich zur Kunst guter Kriminalschriftsteller.
    Ein Krimi, wo ich von Anfang an weiß wie’s ausgeht, der über den gesamten Umfang eine, nämlich die richtige Spur verfolgt, interessiert mich eher nicht.
    Auf der Schipiste liegt meine Affinität auch nicht im Schussfahren auf breiten Piste, sondern mich reizt der Tiefschnee abseits der „Autobahn“ wesentlich mehr.

    Womit wir bei Kitzbühel wären!
    Wo bitte schön, gibt es in Kitz noch so was, das man/frau ungestraft Lokalkolorit nennen könnte.
    Monte Carlo der Alpen oder High-Society-Biotop wären wohl Begriffe, die eher passen würden.
    Die Schönen und Reichen haben in Kitz ihre Villen errichtet und sich die Bauernhöfe unter die Nägel gerissen, von den Almhütten gar nicht zu reden.

    Man/frau erinnere sich nur an die Diskussionen bezüglich des Erwerbs des Unterhirzinger Hofs durch einen ehemaligen Spitzenpolitiker – ich korrigiere, eigentlich ein relativ ordinärer Politiker, jedenfalls der, der seine Freunderl so hervorragend bewirtschaftet hat.

    Lieber peda sie haben in ihrem Kommentar („originell war vielleicht die glaswand zwischen ziegenstall und gastzimmer“) den Schiort selbst hervorragend charakterisiert – Kitzbühel ist einfach nur eine Peep-Show.

    Toni Sailer ist letztes Jahr verstorben und das gute alte Kitzbühel schon vor längerer Zeit!

  • Kommentar von  peda am 20.05.2010 um 11:41 Uhr Uhr

    schreiberische „pistensau“ hots net dabremst

    Also ich habe Haas bisher ganz gern gelesen, die ersten 30 seiten haben mir auch diesmal voll getaugt, aber bald nach der „Entführung der Helena“ habe ich es immer widerwilliger weitergelesen und mich im nachhinein geärgert, dass ich nicht aufgehört habe.
    Die Handlung ist immer mehr an den Haaren herbeigezogen bzw. künstlich aufgeblasen, passt mit der entführung nicht zusammen- der leser wird ärgerlicherweise auf falsche fährten geschickt. den gefühlen der Mutter der entführten Helena bzw. des vaters (oder pseudo-vaters) des entführten kindes kaum raum gegeben (bis auf das gespräch zwischen der abtreibungsärztin und brenner im auto)
    ich verstehe nicht, wie man eine kindesentführung (wohl das ärgste, was eltern passieren kann, so gefühllos erzählen kann.

    schlecht fand ich auch die beschreibung von kitzbühl (da gab es gar keinen lokalkolorit), die senkkgrube fand ich nur eklig aber auch nicht originell- originell war vielleicht die glaswand zwischen ziegenstall und gastzimmer(gibt es tatsächlich z.B. im Apres-Ski-Lokal Goassstoi in Hinterglemm.)

    aber insgesamt habe ich es ab der beschreibung der tankstellenszene (bis dahin ist das buch genial) bereut.

    Meine diagnose (haas sagte selber in einem interview, er sei eine „pistensau“ beim schreiben)

    Dem autor san die schi durchgonga und er hots nimma dabremst.

    hoffe, das nächste buch wird wieder besser, ev. gebe ich ihm noch eine chance. bzw. „das wetter vor 15 jahren “ soll ja auch besser sein.
    Peda

  • Kommentar von  Andreas am 10.01.2010 um 09:42 Uhr Uhr

    Sie war also wirklich gestern – die Wolf Haas Lesung im Posthof. Und dann einer mitten drin wie ich, der seinen Leben lang noch keinen Brenner. Ja nicht einmal überhaupt einen Haas. Der, also ich, durfte auch hinein (aber nur, weil mich keine/r verraten)

    Auf der Bühne also dann der Wolf Haas. Zwischen ihm und der ersten Reihe ein Tisch, gut dass der da war, denn so wie sich der Wolf Hass in seine Lesung hineingelebt, wär er sonst auf die erste Reihe hinunter. Vor lauter Hineingelebt sein.

    Und weil mich immer alle so komisch (skeptisch, verwundert, entsetzt) angesehen, werde ich dann auch einmal einen Haas. Und auch weils mir gefallen. Aber zuerst einen Komarek (den mit dem Ur-Simon)

  • Kommentar von  Sündi am 07.11.2009 um 11:37 Uhr Uhr

    Halleluja! Ich kann es kaum glauben.

  • Kommentar von  Andreas am 07.11.2009 um 09:20 Uhr Uhr

    Weils jetzt im Posthof-Programm auch drinnen steht, glaub ichs. Also den Termin 9.Jänner. Den Rest glauben: schauma mal

  • Kommentar von  Sündi am 09.10.2009 um 13:35 Uhr Uhr

    Na siehst du Ungläubiger, alles schon für die Massentaufe vorbereitet.

  • Kommentar von  michae_la am 07.10.2009 um 21:58 Uhr Uhr

    salü,
    die termine von den lesungen ab jänner 10 sind hier zu finden:
    http://www.kabarett.at/kuenstler/wolf-haas
    8.1. freistadt, 9.1. linz, 10.1. wels,…

  • Kommentar von  Sündi am 07.10.2009 um 08:48 Uhr Uhr

    Das ist allerdings eine berechtigte Frage!

  • Kommentar von  Andreas am 06.10.2009 um 15:43 Uhr Uhr

    Entschuldigung die Einmischung, so als Ungläubiger. Aber warum steht das beim Posthof noch nicht im Programm?

  • Kommentar von  Elke am 06.10.2009 um 15:24 Uhr Uhr

    Hi(gh), hab ja schon versucht Andraes zu bekehren!!! Schwierig. jetzt hab ich Silentium auf Hörbuch gekauft. Praktisch auch nur zuhören. Geht nebenbei. Vielleicht geht das mit dem Zuhören auch auf Pferden? Ich bin jedenfalls dabei. Und vielleicht auch der liebe Gott(?) Lg Elke

  • Kommentar von  Sündi am 05.10.2009 um 22:43 Uhr Uhr

    Hi!
    Am 9.Jänner, praktischerweise ein Samstag, im Linzer Posthof. Mir kommt ja das mit dem Haas fast schon vor wie früher mit den Rolling Stones.
    Da pilgerten auch Massen hin, Zeltweg im vorigen Jahrtausend, was für ein Menschenauflauf! Dabei haben die noch nicht mal selbst gespielt, geschweige denn etwas vorgelesen! Der Haas liest sich sicher selbst. Vor die Wahl gestellt, Stones oder Haas würde ich den Literaturgenuss vorziehen.
    Andrea und Andreas könnten wir auch mitnehmen, sind des Lesens meines Wissens auch mächtig. Ist aber eh‘ eine Lesung, daher brauchen wir sowieso nur zuhören.
    Aber der Andreas, stell dir das einmal vor, hat überhaupt noch nie einen Haas gelesen, sprich Ungläubiger.
    Wie war das damals mit Johannes dem Täufer, der hat sicher noch einen guten Draht zum lieben Gott. Und dann wären wir ja dort im Linzer Posthof! Erkläre mich gerne bereit die Patenschaft zu übernehmen. Wenn er will darf er dann auch Göd zu mir sagen.
    Das könnte ein witziger Abend werden.

  • Kommentar von  Elke am 03.10.2009 um 13:08 Uhr Uhr

    Für alle Gläubigen: Ein Muss!!!
    Eigentlich hätten es ein paar weniger Tote in der Jauchengrube auch getan.
    Aber die Philosophie über verdorbene Buchstabensuppe, Blindvermutungsversuche, über Mobbingbüros, Dauer von Einsichtigkeit, Gotteserscheinungen und praktisch freier Wille weil dieser bei all den Morden nur zugeschaut hat. Mein lieber Schwan. Einfach genial.
    PS: @ Sündi: Danke für die Einladung im Jänner! Wo?

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