Buchbesprechung/Rezension:

Andreas Winkelmann: Das Letzte, was du hörst


verfasst am 15.06.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Thriller, Winkelmann, Andreas
LiteraturBlog Bewertung:

Die ersten Kapitel sind alles andere als beschaulich, kurze Sequenzen, in denen Menschen in menschliche Abgründe blicken: Für den Jungen ist es die Gewalt in der Familie; für die Journalistin Roya Mayer die Ungewissheit, ob sich Martina das Leben nehmen wird; für Roya ist es auch der kurze Augenblick der Unachtsamkeit, der zu einer Katastrophe führt; für Sarah ist es Björns die Eifersucht, die sie zu erdrückend droht.

Bald schon wird klar, dass sich alles um eine der bedenklichen Entwicklungen aus dem gesellschaftlichen Bereich dreht: die Auswüchse in den sozialen Medien. Dort, wo selbsternannte Influencer, geldgierige Demagogen und sektiererische Heilsbringer mit ihren unheilvollen Aussagen auf allzu viele gutgläubige und leicht beeinflussbare Menschen treffen. Eine Mischung, die von zerstörerisch bis explosiv vielfach die negativen Strömungen zutage fördert und verstört.

Im Zentrum der Podcast „Hörgefühlt“ von Marc Maria Hagen. Einer von denen, die Empathie vorgeben, um Geld zu scheffeln. Willige Gefolgsleute zu finden, fällt so einem wie Marc nicht schwer (man sehe sich nur einmal die ganzen evangelikalen TV-Prediger an, die Millionen an Spenden einnehmen und kann sich vorstellen, wie so etwas funktioniert).

Das geschieht in einer dramatischen Ouvertüre: Martina Spieckmann wird tot im Wald gefunden, in ihrem Haus findet man wenig später die Leiche ihres Ehemannes, der mit unzähligen Messerstichen ermordet wurde. Kommissarin Carola Barreis findet die Tote im Wald, nachdem Roya Mayer noch deren Namen nennen kann, bevor sie nach ihrem Unfall bewusstlos wird; dazu auch noch den Hinweis, dass Martina sich umbringen wolle.

Auf der Suche nach dem Auslöser der Ereignisse – dem Selbstmord, dem Mord, dem Unfall – findet sich bald eine Gemeinsamkeit, zu auffällig, um zufällig zu sein. Marc Maria Hagen, der mit seinem Podcast wie magisch Menschen anzieht, die in ihrem Leben an einer Kreuzung angekommen sind und Hilfe dabei suchen, wie sie weitergehen sollen. Zwecks eigener Geldvermehrung strahlt Hagen nicht nur den Podcast aus, sondern veranstaltet auch noch immens teure Selbstfindungsseminare. Bei ihm treffen die Hinweise zusammen, die die Kommissarin sowohl bei Roya als auch bei Martina findet.

Wenn nun Andreas Winkelmann diesen Marc Maria Hagen im so typischen Selbstfindungscoach-Deutsch sprechen lässt, dann bin ich mir manchmal gar nicht sicher, ob das nicht (auch) satirisch gemeint ist. So sehr kann man sich die Aneinanderreihung von auswendig gelernten Floskeln über Mitgefühl und Betroffenheit samt dem dazugehörigen Gesichtsausdruck vorstellen, genauso wie man solche Leuten auch in der realen Welt erlebt.

Der Roman ist in zweierlei Hinsicht fesselnd:
Zum einen liest man eben (siehe oben) über Vorgänge, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben. „Das Letzte, was du hörst“ ist ein Thriller über die Influencer-Szene und darüber, wie Menschen, die auf der Suche nach einem Halt sind, mit recht offensichtlichen Methoden verführt und fehlgeleitet werden können (Dazu kommt noch, dass man inzwischen im Internet wohl mit allem rechnet, dass einfach nichts mehr, das undenkbar schien, nicht doch stattfindet)

Zum anderen liefert Andreas Winckelmann gleich mehrere Lösungen. Ist der Vorhang vor einem Rätsel weggezogen, kann dahinter noch ein weiterer Vorhang ein weiteres Rätsel verbergen. Und wie üblich wühlt Winkelmann dabei ganz tief in den Ängsten und Sehnsüchten der Menschen.

Der allerletzte Kick fehlt mir allerdings bei der Geschichte, abschnittsweise lenkt zu viel Text vom Thriller ab; womit dieser Roman nach meinem Gefühl nicht ganz an den zuletzt erschienenen heranreicht. Es reicht aber natürlich für einen rasanten Roman, den man wahrscheinlich in einem Zug quasi inhalieren wird!




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