Buchbesprechung/Rezension:

Sam Lloyd: Sturmopfer
Ein Boot. Drei Vermisste. Eine fatale Entscheidung


verfasst am 12.04.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Lloyd, Sam, Thriller
LiteraturBlog Bewertung:

Das Segelboot Lazy Susan wird gefunden, es treibt im Meer und niemand ist an Bord. Diese Nachricht reißt Lucy aus ihrem geplanten Tagesablauf. Von ihrem Haus oben auf Mortis Point, irgendwo an der Westküste Englands bei Land’s End, kann sie zwei Dinge erkennen: Unten den Hafen von Skentel ihr Boot, das gerade hereingeschleppt wird – es liegt tief im Wasser – und am Himmel die Vorboten eines gewaltigen Sturmes, eines Monstersturmes, wie alle sagen. Dann ist von einem Notruf die Rede, den ihr Ehemann Daniel vom Boot aus abgesetzt haben soll. Doch warum war er überhaupt draußen auf dem Meer, er sollte doch bei der Arbeit sein?

Hier, im Nordatlantik ist jeder Notfall auf See das Signal für alle verfügbaren Helfer, sofort die Suche aufzunehmen. Zu lange im Wasser, und sei es auch in einem Rettungsboot, bedeutet in dieser Kälte und bei den starken Strömungen Lebensgefahr, die mit jeder verstreichenden Minute dramatisch ansteigt. Hubschrauber, Küstenwache, Fischerboote – alle sind unterwegs, um Daniel zu finden und Zeit ist der wichtigste Faktor.

Das Aufeinandertreffen von Daniels Verschwinden, der Frage, warum er überhaupt draußen auf dem Boot war und dem aufziehenden Sturm sorgt von Anfang an für Spannung: Das Gefühl für das Leben am Meer, dem unberechenbaren Meer, für die Wellen, die an die Hafenmauer rollen – alles lässt sich beinahe körperlich spüren, so packend und nahe ist die Schilderung.

Als sich herausstellt, dass die neu gekaufte Rettungsinsel noch an Bord ist, als Lucy wenig später die verzerrten Reste einer Nachricht von Daniel auf ihrer Mobilbox hört, und als sie erfährt, dass Daniel Fin, ihren Sohn von der Schule abgeholt hatte, ist klar: Es ist noch mehr passiert und dieser Thriller lässt es nicht zu, dass man zwischendurch einmal Pause macht beim Lesen. Es wird aber noch intensiver, denn Lucy erfährt, dass auch ihre Tochter Billie verschwunden ist. Waren alle drei auf dem Boot? Warum ist das überhaupt passiert, es fährt doch niemand hinaus, wenn ein solcher Sturm angekündigt ist.

Die Polizei wird eingeschaltet. Es muss geklärt werden, was geschehen ist, ob Daniel sein Leben beenden wollte, ob er dabei die Kinder mitgenommen hat oder ob ein Verbrechen ganz anderer Art stattgefunden hat.

Es ist der Auftritt von Detective Abraham Rose, der selbst etwas mit sich herumträgt, das er verbergen möchte. Eines aber macht er deutlich: dass er alles unternehmen wird, um die Vermissten zu finden und alle Umstände zu klären. Was aber nicht greifbar ist, das ist sein persönliches Motiv, sich über die Maßen mit diesem Fall zu beschäftigen.

Man (er)lebt alles mit, beinahe so, als wäre man Teil des Geschehens: die Angst Lucys, die nur eine ferne Ahnung hat, was geschehen sein könnte, die mit ihrem Willen ihre Panik meistens im Griff hat. Das Meer im Orkan, mit seinen turmhohen Wellen und den tiefen Tälern dazwischen, aus denen heraus man nichts erkennen kann als Wände aus Wasser. Die Kälte und die Nässe, in denen doch niemand überleben kann und das Donnern, wenn die Brecher an den Strand schlagen. Die Bewohner des kleinen Ortes Skentel, in dem jeder jeden kennt und in dem sich dennoch etwas verstecken kann.

Als ob die Szenen am Hafen und beim Verschwinden der drei noch nicht dramatisch genug wären, wird es noch nervenaufreibender; gerade muss die Suche wegen der Wetterbedingungen schon abgebrochen werden, da ergibt sich eine neue Wendung, wird eine neue Perspektive erkennbar, aus der man die zurückliegenden Stunden betrachten muss. Zugleich findet Detective Rose Hinweise, die seine Nachforschungen in eine ganz bestimmte Richtung lenken. Es wird nicht der letzte neue Blickwinkel sein, aus dem man alles sieht, vieles entwickelt ganz anders weiter, als es am Anfang den Anschein hat.

Sam Lloyd hat sichtlich Lust daran, Details zu beschreiben. Den Gesichtsausdruck eines Menschen, dessen Erscheinungsbild; oder die Einrichtung, die Atmosphäre, den Geruch eines Raumes, die Geräusche des Meeres. Für meinen Geschmack hätte es vielleicht gar nicht so vieler Beschreibungen bedurft, auch mit weniger wäre der Roman vollständig gewesen.

Denn was man liest, das ist ein wirklich grandioser Thriller. Kaum zu glauben, wie viel an Spannung sich in beinahe jede einzelne der Buchseiten pressen lässt. So viel, dass man hin und wieder den eigenen Blutdruck im Auge behalten sollte – nicht, dass man zu sehr mitfiebert.

Ich jedenfalls bin abschnittsweise wirklich überwältigt und kann nicht aufhören – mein E-Book-Reader begleitet mich den ganzen Tag überall hin, gelesen wird heute im Stehen, im Sitzen und im Gehen … einfach mitreißend, ein Thriller, der seinen Leserinnen und Lesern keine Verschnaufpausen gönnt.

Zusammengefasst. „Sturmopfer“ beschreibt nicht nur einen Sturm, der ganze Roman ist selbst ein Sturm. Großartig.




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