Buchbesprechung/Rezension:

Friedrich Dürrenmatt: Justiz


verfasst am 17.07.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Dürrenmatt, Friedrich, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Schauplatz Zürich in der Schweiz: Dr. h.c. Isaak Kohler, ehemaliger Kantonsrat, betritt den Speisesaal des Restaurants, tritt zielsicher an den dort gerade speisenden Professor Winter und töten jenen ebenso mit einem Schuss. Kohler wendet sich um, verlässt den Saal keineswegs aufgeregt, setzt sich in seinen Wagen und lässt sich gemeinsam mit dem dort ahnungslos wartenden englischen Minister zum Flughafen chauffieren.

Was für eine seltsame Szene, die in ihrer Ungeheuerlichkeit, alle im Restaurant versammelten Gäste zunächst sprachlos zurücklässt. Unter den Gästen auch der Staatsanwalt und der Polizeichef, die ihrerseits einige Momente brauchen um sich des soeben stattgefundenen sicher zu sein.

Aber es ist keine Frage, dass Isaak Kohler ein Mörder ist, einer der reichsten und bekanntesten Bürger der Stadt muss umgehend verhaftet werden. Ein Vorgang, der durchaus unangenehm werden könnte, ist Kohler doch mit allen namhaften Bürger der Stadt gut bekannt und eben auch mit den führenden Repräsentanten von Justiz und Polizei.  Gerichtsverhandlung und Schuldspruch sind reine Formsache, spielte sich die Tat doch vor unzähligen Augenzeugen ab.

Kaum ins Gefängnis eingeliefert schlägt die Stunde des Isaak Kohler. Er beauftragt den jungen Anwalt Spät, seinen Fall neu zu untersuchen. Keine Revision soll es sein, sondern eine völlig neue Untersuchung der Vorgänge, jedoch unter dem Aspekt, dass Kohler unschuldig wäre.

Dürrenmatt erzählt von einem, wenn man so will, perfekten Mord. Weil alles so eindeutig erscheint, weil sich der Angeklagte in sein Schicksal zu fügen scheint (nichts abstreitet, aber auch nichts zugesteht), werden die Regeln eines rechtmäßigen Verfahrens gleich mehrfach missachtet. Kohler seinerseits, es wird sich herausstellen, hat alles so geplant, hat seine Verurteilung miteinkalkuliert, seinen späteren Freispruch vorhergesehen.

Dass dabei der junge Anwalt ein Opfer seiner Machenschaften wird, das kümmert Köhler nicht, er hat einen Plan, der mehr umfasst als einfach nur einen öffentlich begangenen Mord. Kohler nützt dafür alle seine Verbindungen, Freundschaften und sein Vermögen.

Der Geschehen wird von Anwalt Spät aus der Ich-Perspektive erzählt. Das Ende der Ereignisse ist dabei schon Beginn an bekannt, nun dreht sich alles darum, wie es zu diesem Ende kam.

Es ist ein Roman mit einerseits viel Satire und Witz, andererseits voller absonderlicher Wendungen und Handlungen, die sich wohl auch aus den Verhältnissen in der Schweiz ergeben; schon beinahe grotesk sind die Szenerien, über die man lesen kann. Insgesamt lässt Dürrenmatt an seinen Landleuten kein gutes Haar, wenn er über den einerseits  sittenstrengen Anspruch der Schweizer schreibt, demgegenüber andererseits aber die Neutralität als Ausrede steht, mit allen möglichen sittenlosen Geschäften Geld zu scheffeln, ganz nach dem Motto: Moral, ja aber erst nach dem Vermögen.

Ein Eindruck, der sich natürlich durch Dürrenmatts Wortwahl und Formulierung verstärkt, findet sich darin doch einige, das ganz typisch schweizerische, Vokabel, die man außerhalb der Eidgenossenschaft nicht verwenden würde (dennoch den Sinn versteht). Dazu noch die Namen der Beteiligten, die Dürrenmatt sichtlich genussvoll „verschweizerischt“ hat.

Der Roman folgt nicht vom Krimis gewohnten Aufbau. Dürrenmatt, das muss man bemerken, übertreibt es mit den Aus- und Abschweifungen recht oft; seine Texte verschachteln sich in den Sätzen immer mehr, als ob er es darauf anlegen würde, seine Leserinnen und Leser vom Thema des Romanes abzulenken – weil sich mehr auf die Form als auf den Inhalt konzentriert.

Man benötigt deshalb viel Geduld und ausreichenden Willen, den Roman zu Ende zu lesen. Wahrscheinlich bin ich diesbezüglich aber sehr subjektiv, denn ich man keine Bücher, in denen der Text sich ohne jeden Absatz seitenweise dahin zieht.




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