Friedrich Glauser: Wachtmeister Studer

Friedrich Glauser wurde zwar in Österreich geboren, beim Schreiben hat sich aber sichtlich das Schweizerische, das er von seinem schweizer Vater ererbt hatte, durchgesetzt: bedächtig, langsam – also genau so, wie man es von einem klischeehaften Schweizer erwartet.

Dazu kommt noch die etwas behäbige Sprache des Romanes, versetzt mit einer ganzen Reihe von schwyzerdütschen Vokabeln (oft mit diesen verkleinernden „li“s am Wortende), die mich manchmal etwas ratlos werden ließen. Es dauert einige Zeit, bis man sich an diesen Stil gewöhnt und gelernt hat, nicht verständliche Vokabel einfach zu ignorieren – es wird sich im Kontext schon irgendwie klären, was diese Ausdrücke bedeuten.

Der Wachtmeister Studer, bedächtig, geduldig, grübelnd, aber sehr zielstrebig, ist in dem kleinen Dorf Gerzenstein unterwegs. Ein Kaufmann wurde hier ermordet, eine Kugel in den Kopf hat sich der Wendelin Wintschi eingefangen und schnell hat man den Erwin Schlumpf als Hauptverdächtigen inhaftiert. Studer aber glaubt nicht daran, dass der junge Mann ein Mörder ist – ein kleiner Ganove, den man schon ein paar Mal erwischt hat, aber ein Mörder? Nein?

Jetzt heisst es also, sich Zeit zu nehmen, Geduld zu haben und den Wachtmeister bei seiner Arbeit zu begleiten. Erst einmal gilt es zu klären, ob es denn überhaupt Mord war, oder ob sich der Wintschi nicht doch selbst umgebracht hat? Oder doch Mord? Zu schnell wollen ein paar Leute den Fall als abgeschlossen sehen, doch dabei macht Studer nicht einfach so mit.

In Sprache und Form ein auf mich sehr altmodisch wirkender Roman, der tief in das Millieu eindringt, in dem sich alles zuträgt. Das zeichnet einerseits ein wirklich greifbares Bild, ist aber wegen der teilweise fremdartig wirkenden (ist das spezifisch schweizerisch oder spezifisch 1930er-Jahre? ich kann es schwer einschätzen) Umstände, Zustände, Ausdrucksweise und Umgangsformen der Beteiligten zunächst oftmals mühsam zu lesen.

„Lieber zehn Mordfälle in der Stadt, als einer auf dem Land …“ Diesen Satz eines früheren Kollegen ruft Studer sich in Erinnerung, als er bei seiner Arbeit im Dorf auf eine Front des Schweigens trifft. Der Gemeindevorsteher dirigiert, die Leute halten sich allesamt an den Codex, nach dem man mit einem von außerhalb nicht über die Angelegenheiten spricht, die im Dorf vorgehen.

Was als ein so einfacher Fall erschien, verstrickt sich immer mehr in den Beziehungen der Dorfbewohner miteinander. Wer da wem etwas schuldet, wer da wem ein Versprechen gegeben hat, wer da etwas weiß, aber sein Wissen verheimlicht – während der unerfahrene Untersuchungsrichter die Sache schon als abgeschlossen betrachtet, ist Studer noch immer mitten in der Arbeit an der Aufklärung.

Zunächst benötigte ich ein paar Kapitel, um mich an Stil und Sprache zu gewöhnen; dann aber wurde es ein wirklich ansprechender Detektivroman, in dem die Arbeitsweise Studers sich an den berühmteren Vorbildern wie Maigret oder Holmes orientiert – also Lösung des Falles nicht mit Rasanz und körperlichem Einsatz, sondern mit Köpfchen und Empathie.

Spannend und voller Wendungen bis zum Schluß.



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