Herman Melville: Bartleby, der Schreiber
Eine Geschichte von der Wall Street

verfasst am 12.07.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kurzgeschichten, Melville, Herman

Ein seltsamer junger Mann, den der New Yorker Anwalt angestellt hat. Es musste sein, das Mehr an Arbeit in der Kanzlei erforderte es, einen dritten Kopisten einzustellen. Einen also, der es versteht, Akten akribisch zu kopieren, Wort für Wort. Neben den beiden anderen Kopisten, die schon lange für den Anwalt arbeiteten und mit deren Launen er gelernt hatte, umzugehen, entpuppte sich dieser junge Mann, Bartleby eben, als ganz spezieller Fall.

Was seltsames Verhalten betraf, übertraf er des Anwalts andere Angestellte um ein Vielfaches. Es begann damit, dass Bartleby „es vorzog“ bestimmten Anweisungen seines Chefs nicht Folge zu leisten. Das konnte von dem so gutherzigen Anwalt gerade noch akzeptiert werden, wenn auch unter Protest der anderen Angestellten. Denn der Anwalt war ein verständnisvoller Mann (oder einfach nur scheu, Differenzen auszutragen?) und Bartleby leistete als Kopist gute Arbeiten. Jedoch, es weitete sich aus, bis er es dann sogar „vorzog“ auch die Arbeit, für die er angestellt war, nicht mehr zu erledigen. Als der Anwalt dazu heraus fand, dass Bartleby in der Kanzlei nächtigte und anscheinend überhaupt dort lebte, brachte es das Fass zum Überlaufen.

Doch auch dabei lief es nicht so ab, wie man es erwarten würde. Bartleby weigerte sich, seine Entlassung, zu der der Anwalt sich nach langem Überlegen endlich durchgerungen hatte, zur Kenntnis zu nehmen, er“zog es vor“, in der Kanzlei zu bleiben. Es war schließlich kaum mehr möglich, in irgendeiner Art und Wiese zu Bartleby durchzudringen, er war zwar anwesend, schien aber in seiner ganz eigenen Welt zu leben. Das ging so weit, dass der Anwalt mit seiner Kanzlei umzog, nur um Bartleby nicht mehr im Büro zu haben.

Die Geschichte von einem jungen Mann, der sich aus der Welt immer weiter zurück zieht, lässt genügend Raum für eigene Überlegungen, wie es denn soweit kommen konnte, dass Bartleby am Ende es sogar vorzieht, nicht mehr zu leben; einfach so. Man fand es nie heraus, warum er so handelte.

„Bartleby, der Schreiber“ ist auf wundersame Weise eine faszinierende kleine Geschichte, in der Herman Melville auch ein Abbild des Lebens aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, zusammengesetzt aus vielen ganz unterschiedlichen Charakteren, für unsere Zeit konserviert hat.



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