Volker Kutscher: Märzgefallene

verfasst am 04.01.2015 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Kutscher, Volker

Anfang 1933: Hitler ist seit kurzem Kanzler und neue Reichstagswahlen stehen vor der Türe. Polizei und Alltag sind schon von den Braunhemden durchsetzt und Opposition gegen die Machthaber wird unterdrückt.  Der Reichtag wird am 27. Februar 1933 in Flammen aufgehen und das liefert dem Regime den willkommenen Anlass, gegen alle anders denkenden mit Gewalt vorzugehen. Die Polizei wird zum Werkzeug der Nazis und für die Bekämpfung wirklicher Verbrechen stehen immer weniger Ressourcen zur Verfügung.

Das ist der Hintergrund, vor dem ein toter Obdachloser mitten in Berlin nicht weiter auffällt. Tagelang kann er da mitten in der Stadt auf einer Bank sitzen, bis ein Streifenpolizist bemerkt, dass der Mann tot ist. Wenig später wird Gereon Rath mit dem Fall betraut, nachdem Oberkommissar Böhm, sein Vorgesetzter, von der SA aus dem Büro abgeholt wird.

Rath ist wenig begeistert, auch wenn seine Verlobte, die Polizistin Charlie Ritter, bereits eine Verdächtige verhört hat und auf Unstimmigkeiten gestoßen ist.

Die Ermittlungen beginnen in einer Zeit, in der Verbrechen weniger geandet wird als die Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe, in der “volksschädliches” Verhalten zum größten Kapitalverbrechen  geworden ist. Da ist die Aufklärung eines Mordes an einem Obdachlosen zweitrangig gegenüber der Jagd nach den Gegner der “neuen Ordnung” in Deutschland. So muss Gereon Rath seine Ermittlungen just zu dem Zeitpunkt abbrechen, als er erste konkrete Spuren verfolgt: er wird zur Politischen Polizei versetzt um sich dort an der Aufdeckung der von den Nazis behaupteten kommunistischen Verschwörung, die angeblich im Brand des Reichstages mündete, zu beteiligen.

Volker Kutscher schreibt zwei Romane in einem:

Der eine berichtet davon, wie in kurzer Zeit, innerhalb weniger Wochen, die Nazis in alle Bereiches des Staates und des Lebens vordringen. Für mich ungemein glaubhaft schildert Kutscher, wie der braune Wahn immer mehr Menschen ergreift, während die, die sich dieser “neuen Ordnung” nicht anschließen wollen, entweder in Deckung gehen oder einfach verschwinden. Die Polizei wandelt sich von einer Behörde, die zum Schutz der Bürger da ist, zu einem Werkzeug der Bespitzelung und des alltäglichen Terrors gegenüber Andersdenkenden. Zeitweise lief es mir kalt über den Rücken, so realistisch beschreibt Volker Kutscher die sich auftürmende Welle aus Fanatismus und Hass.

Der zweite Roman handelt von einem undurchsichtigen Verbrechen, bei dem Veteranen des 1. Weltkrieges einem Mörder zum Opfer fallen. Die Verbindung von Opfern und Täter ist in den Ereignissen an der Westfront im Jahr 1917 zu finden. Was dort geschah, hallt 16 Jahre später noch nach. Doch wie soll man eine Erklärung für Vorgänge finden, deren Ursachen in den Schützengräben verschüttet wurde? Denn der Krieg kostete nicht nur unzähliche Menschenleben sondern er machte es auch möglich, ganz einfach alle Spuren zu verwischen.

Beide Romanteile finden dort zueinander, wo die Polizeiarbeit zunehmend nicht durch Fakten sondern durch Ideologie geprägt ist. Wenn sich ein Täter benennen lässt, der Jude oder Kommunist ist, dann findet man Unterstützung bei den Vorgesetzten; und Widerspruch gegen eine derart einmal gefasste Meinung kann schlimme Folgen haben: die Schlägertrupps der SA sind jederzeit bereit, unliebsame Zeitgenossen aus dem Weg zu räumen, egal ob sie normale Bürger oder Plozisten sind. Gerade bei der Polizei werden allzu viele blitzschnell zu willigen Gefolgsleuten der Nazis

Es ist erschreckend und fesselnd zugleich. Erschreckend, wie die braunen Horden unwiderstehlich alles niederwalzen. Und fesselnd, wie Gereon Rath, heimlich, um nicht ins Visier der Nazis zu geraten, Schritt für Schritt der Lösung näher kommt.

Ein toller Krimi.
Spannend bis zum Schluß


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