Buchbesprechung/Rezension:

Volker Kutscher: Transatlantik
Der neunte Rath-Roman

verfasst am 27.10.2022 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Kriminalromane, Kutscher, Volker
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Die Ereignisse aus dem vergangenen Jahr, dem Jahr 1936, als in Berlin die Olympischen Spiele ausgetragen wurden, haben die Familie Rath auseinandergerissen.

Gereon musste seinen Tod vortäuschen, um am Leben zu bleiben. Niemand weiß, wo er sich aufhält und nur wenige wissen, dass er noch lebt. Charlotte „Charly“, seine Frau, kämpft um die Freilassung ihres Ziehsohns Fritze, der in eine psychiatrische Anstalt gesteckt wurde, nachdem er einen SS-Mann eines Mordes beschuldigt hatte.

Das nun schon gefestigte Regime in Nazideutschland hat zudem auch die alten Unterweltbosse vertrieben; denn die Verbrechen, die begehen SS, SA und Partei jetzt selbst. So hat es auch Johann Marlow, den alten Gegenspieler Gereon Raths nach Amerika verschlagen.

Dieses Deutschland ist ein Staat, in dem man in jedem Moment wachsam sein muss, jedes Wort, dass jemand hören könnte, muss abgewogen werden, schwer zu entscheiden, wer echter Freund oder hinterlistiger Spitzel ist. Das Recht folgt nicht mehr der Gerechtigkeit, niemand fragt mehr, was falsch oder richtig ist, sondern recht bekommt immer derjenige, der der bessere Nazi ist.

Charly wollte mit ihrem endgültigen Abschied aus diesem Land nur so lange warten, bis Fritze wieder in ihrer Obhut ist. Doch dann taucht der HJ-Führer Rademann auf, in dessen Familie Fritze zuletzt untergebracht war und beansprucht das Sorgerecht. Fast gleichzeitig ist  Charlys Freundin und Mitbewohnerin Greta verschwunden und die Polizei sucht nach ihr in Verbindung mit der Ermordung eines SS-Mannes, mit dem sie einige Zeit lang ein Verhältnis hatte. So sehr und so bald Charly Deutschland auch verlassen möchte – bevor sie sich nicht um diese beiden Angelegenheiten gekümmert hat, kann sie keinesfalls abreisen.

Transatlantik“ ist zunächst einmal ein Roman über das Leben in einem Überwachungsstaat. Wem man vertrauen kann, lässt sich oft nicht erkennen und so wird lieber geschwiegen und in der Menge mitgejubelt, anstatt die eigene Meinung kundzutun. Es entstehen die ersten Konzentrationslager, in denen die SS nach ihren eigenen Gesetzen nach Belieben herrscht. Wer unvorsichtig eine vom Regime abweichende Meinung vertritt oder gar Kritik äußert, landet schnell in so einem Lager (oft wird das „Schutzhaft“ genannt, als wäre es zum Wohle der Eingesperrten) – ob man es lebend wieder verlässt, unterliegt der Willkür der Aufseher.

Wer kann, verlässt das Land und das betrifft nicht nur (wenn auch vor allem) die in Deutschland lebenden Juden. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung sich als eifrige Anhänger Hitlers betätigt und in vorauseilendem Gehorsam jede noch so kleine Abweichung meldet, dann werden Opposition und Widerstand lebensgefährlich: Man kann sich nur entscheiden zwischen einem Leben in ständiger Angst oder der Emigration.

Gretas Verschwinden und der Mord an dem SS-Mann hängen genau aus diesen Gründen zusammen: ein Mord war unter der Aufsicht der SS begangen worden und der Geliebte Gretas war in irgendeiner Art und Weise darin verwickelt gewesen. Charly ermittelt privat und findet schon bald mehr heraus, als die Polizei. Ihre Möglichkeiten, mehr zu erfahren, enden jedoch genau dort, wo sie die Spuren direkt zur SS führen – eine Chance sieht sie darin, ihrer alten Verbindung zu nützen, um Einblicke zu bekommen.

Waren es im letzten Gereon Rath-Roman die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, die den historischen Hintergrund zur Handlung bildeten (und zudem auch Schauplatz für Geschehnisse waren, die hier, in „Transatlantik“ nachwirken), so ist es diesmal eine Katastrophe, die damals auf der ganzen Welt nachverfolgt werden konnte (und sogar das Ende einer Ära bedeutete), die einen der Höhepunkte der Handlung liefert.. Mitten in dieser Katastrophe befindet sich Gereon Rath, der endlich einen Weg gefunden hatte, sich vor der SS in Sicherheit zu bringen, als er gemeinsam mit einer alten Bekannten einen Zeppelin nach New York bestieg … und dann muss Rath feststellen, dass man sich selbst in dieser riesigen Stadt nicht vor seinen Feinden verstecken kann.

Die erste Hauptrolle in diesem neunten Roman der Rath-Reihe spielt Charly: wie sie in Berlin bleiben muss, weil es durch immer neue Ereignisse nicht gelingt, die Stadt und das Land zu verlassen; wie sie immer auf der Hut sein muss, nicht an die falschen Leute zu geraten, die im Dienst des Regimes stehen; wie sie keine Nachricht über Gereons Verbleib hat. Es ist ein täglicher Kampf darum, die eigenen Überzeugungen nicht zu verraten und zu erkennen, wer wirklich ein Freund oder wer ein Informant einer der Nazi-Organisationen ist.

Gereon konnte zwar das Land verlassen, doch selbst tausende Kilometer von Berlin entfernt gerät er in eine lebensbedrohende Lage, die ihn, ohne dass er davon weiß, mit dem verbindet, was zur selben Zeit in Berlin geschieht.

Ein Roman mit einer ganz großartigen Erzählung über das Leben und die Verwerfungen der späten 1930er-Jahre überzeugt. Ein packendes Lese-Abenteuer mit überaus lebensnah wirkenden Szenen, das einen beim Lesen selbst ein wenig davon erfahren lässt, wie es sich angefühlt haben muss, in einem totalitären Staat zu leben.

… das Ende verspricht: Die Geschichte geht weiter und auf einen zehnten Roman kann man sich – davon gehe ich aus – schon vor-freuen!




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