Buchbesprechung/Rezension:

Guillermo Martínez: Der langsame Tod der Luciana B


verfasst am 09.05.2021 von | 1 Kommentar
Rubriken: Kriminalromane, Martínez, Guillermo
LiteraturBlog Bewertung:

Über die möglichen Schlussfolgerungen aus Ereignissen: wie aus denselben Geschehnissen, denselben Hinweisen und denselben Beweisen zwei völlig unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen werden können.

Es beginnt damit, dass Luciana B. sich Hilfe suchend an den Ich-Erzähler des Romanes wendet. Der Erzähler ist Schriftsteller und zehn Jahre zuvor hatte Luciana einen Monat lang als seine Sekretärin gearbeitet. Dieses eine Monat war zustande gekommen, weil Lucianas eigentlicher Arbeitgeber, der Schriftsteller Klosters, in dieser Zeit auf einer Reise nach Europa war. Nach Klosters Rückkehr kam es zu einem Übergriff, Klosters bedrängte Luciana, die daraufhin die Arbeit für Klosters beendete. Nicht nur das, Luciana brachte auch noch eine Klage wegen sexueller Belästigung ein.

Das war, vor zehn Jahren, der Beginn einer Kette von erschreckenden Katastrophen, in deren Verlauf Lucianas Freund, dann ihre Eltern und schließlich ihr Bruder ums Leben kamen. Ganz sicher, so Luciana, ist Klosters auf einem unbarmherzigen Rachefeldzug. Denn auch Klosters Schicksal nahm nach dem Vorfall mit Luciana eine grausame Wendung: Seine Frau trennte sich von ihm und seine über alles geliebte Tochter Paulina starb, gerade vier Jahre alt geworden, bei einem Unfall in der Badewanne.

Was ist nun Wahrheit, was ist reine Einbildung, was entspricht überschießender Fantasie? Gibt es zwei Wahrheiten oder nur eine oder vielleicht sogar mehr als zwei?  Luciana ist davon überzeugt, dass Klosters der Täter ist, doch niemand möchte ihr glauben. Als dann der Erzähler mit Klosters das Gespräch sucht, um Lucianas Anschuldigungen zu überprüfen, findet er aber auch Klosters‘ Bericht über die Ereignisse glaubhaft, wenn auch beide Geschichten in ein paar Details voneinander abweichen.

Spät aber doch zieht auch die Mathematik in Gestalt der Wahrscheinlichkeitsrechnung in Geschichte ein: wie lassen sich wiederholende Zufälle berechnen und inwieweit ist das ein Element bei der Klärung der gegensätzlichen Überlegungen? Gewissermaßen unterstützt der promovierte Mathematiker in Guillermo Martínez den Roman des Schriftstellers in Guillermo Martínez bei der Auflösung.

Nach seinen beiden „Oxford-Krimis“ ist Guillermo Martínez literarisch gesehen in seine Heimat Argentinien zurückgekehrt, wo sich das Drama entwickelt; zu welcher Zeit sich das alles zutrug, denn es liegt in der Vergangenheit, wie man den Erinnerungen des Erzählers entnehmen kann, lässt sich jedoch nicht feststellen (Mobiltelefone und das Internet zählen jedenfalls noch nicht zu den Gegenständen des täglichen Gebrauchs).

Weniger ein Krimi als ein Psychothriller schleicht sich der Roman auf leisen Sohlen heran, zeigt immer wieder neue rätselhafte Wendungen, die immer wieder Entwicklungen in mehrere Richtungen möglich machen. Viele Fragen und einige Antworten; nicht alles klärt sich, einiges an Zweifeln bleibt.




RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Phil am 19.07.2021 um 03:54 Uhr

    Hat mir gut gefallen das Buch.
    Spannung pur.
    Nur Ares von Hausammann hat mich in den letzten Jahren noch mehr gefesselt


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