Guillermo Martínez: Der Fall Alice im Wunderland

verfasst am 26.01.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Martínez, Guillermo
LiteraturBlog Bewertung:

Die verschwundenen Tagebücher des Schriftstellers Lewis Carroll bewegen die ehrenwerte Lewis-Caroll-Bruderschaft in Oxford. Zum einen, weil man plant, dazu eine ganze Buchreihe darüber zu verfassen, zum anderen, weil eine junge Wissenschaftlerin eine der verschwundenen Seiten gefunden haben will. Der Inhalt dieser Seite würde zu völlig neuen Erkenntnissen führen.

Das ist der historische Hintergrund zum Buch: Schon seit langem ist es ein Rätsel, wohin einige von Carolls Tagebüchern verschwunden sind. Haben seine Angehörigen die betreffenden Seiten und Abschnitte entfernt, um möglicherweise eine düstere Enthüllung aus dem Leben des Autors von „Alice im Wunderland“ verschwinden zu lassen?

Die Serie der Verbrechen beginnt mit einem Anschlag auf das Leben der Wissenschaftlerin: Kristen Hill wird auf dem Heimweg vom Kino von einem Auto gerammt und überlebt nur mit viel Glück; sie wird jedoch niemals wieder gehen können. Wenige Tage darauf ereignet sich ein Mord im Umfeld der Bruderschaft, diesmal wurde das Opfer vergiftet. Damit ist die Serie der Verbrechen und seltsamen Vorkommnisse aber noch nicht zu Ende – alles hängt mit den Tagebüchern, der geplanten Veröffentlichung und der Bruderschaft zusammen.

Mit Professor Arthur Seldom und dem jungen Doktoranden aus Argentinien hat Guillermo Martínez ein Ermittler-Duo geschaffen, das mit den Mitteln von Wissenschaft und Logik die Polizei, wie im ersten Fall auch hier wieder in der Person des Inspektors Petersen, sehr erfolgreich unterstützt.

Dabei sind es gleich mehrere Ebenen, die für die Spannung sorgen: natürlich zuerst die Frage, wer zunächst Kirsten und dann auch noch anderen nach dem Leben trachtet. Welcher Logik folgen diese Taten, gibt es vielleicht sogar eine literarische Vorlage dafür? Diese mögliche Verbindung erscheint bald immer wahrscheinlicher, als die Ereignisse immer eindeutiger der Handlung in Carolls Roman folgen. Was aber völlig unklar bleibt, das ist der Grund für all das: Was bezweckt der Täter oder die Täterin?

Dazu die Erklärungen und Details über Lewis Carolls Biografie, dessen Verhältnis zu kleinen Mädchen zu hinterfragen ist; das, was an Texten und Fotografien überliefert ist, lässt eine pädophile Neigung jedenfalls nicht ausschließen (dazu kann man sich mittels der zahlreichen Quellen im Internet informieren, z. B. bei Wikipedia). Martínez entwickelt über dieses umstrittene Thema so etwas wie einen historischen Krimi im Krimi.

Nicht zu vergessen die kleinen, eingeschobenen Geschichten und Rätsel mit allerlei Kostenproben und Anekdoten aus dem wissenschaftlichen Bereich. Das alleine ist schon überaus aufschlussreich und unterhaltsam –  ein Buch mit einer Sammlung solcher Geschichten würde mit Sicherheit auch viele Fans finden.

Die ganze Bruderschaft gerät ins Zwielicht, als es so scheint, als ob sich Carolls Neigungen in gewisser Weise in die Gegenwart übertragen hätten. Immer mehr der Fotos tauchen auf, die Caroll von jungen Mädchen in zweideutigen Posen anfertigte; zu den Originalen und kommen Fälschungen hinzu. Jemand agiert im Hintergrund und sorgt für Ratlosigkeit und Furcht und zieht sogar den Buckingham Palace mit hinein.

Wenn man also historische Fiktionen und Krimis mag, dann kommt man mit diesem Roman zumindest zweifach auf seine Kosten. Und das ausgiebig! Immer wieder wird die eigentliche Krimihandlung durch Ausflüge in die Biografie des Schriftstellers unterbrochen, gelegentlich kippt Guillermo Martínez, der selbst, wie auch Caroll, Mathematiker ist, ein paar Themen aus diesem seinem ureigenen Wissensbereich ein.

Weil das alles immer mehr zu einem ineinander verwobenen, spannenden Ganzen wird, wird auch der Roman immer fesselnder. Einer von denen, die man sehr ungern zur Seite legt.

Schon der erste Krimi von Martínez  hat mir ausgezeichnet gefallen; in diesem legt er die Latte aber noch ein Stück höher – und überspringt diese neue Höhe mit Leichtigkeit. Man darf sich wirklich viel erwarten und wird noch mehr bekommen. Man wird ausnehmen gut unterhalten und erfährt zugleich noch vieles über eine der bekanntesten (aber auch eine der sehr umstrittenen) Persönlichkeiten der englischen Literaturgeschichte.

Ein Krimi der besonderen Art, den ich allen Fans geistvoller Krimis wirklich empfehlen kann. Sehr, sehr spannend und mit einem überzeugenden Finale, das man so wahrscheinlich nicht kommen sieht!

PS: einer der seltenen Fälle, in denen ich mir wünschte, das Buch hätte noch einige Seiten mehr gehabt.




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