Buchbesprechung/Rezension:

Guillermo Martínez: Roderers Eröffnung


verfasst am 13.01.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Martínez, Guillermo
LiteraturBlog Bewertung:

Eine Bar in Puente Viejo ist der Treffpunkt der Schachspieler des Dorfes. Nur einen Teil der Bar nützen sie, im anderen Teil versammeln sich die üblichen Gäste eines solchen Lokals, um zu trinken, zu rauchen, zu reden.

Den jungen Mann, der Ich-Erzähler bleibt namenlos, hat schon der Geist des Schachspiels erfasst, er ist bereit, sich mit den großen Spielern zu messen. Eine Partie mit dem erst vor kurzem zugezogenen Gustavo Roderer scheint da nur eine kleine Übung zum Aufwärmen zu sein. Doch sein Gegner, etwa im gleichen Alter wie er selbst, beherrscht alle Gegenstrategien zu den Zügen, die der Erzähler auf das Brett bringt; er überlegt lange, wirkt immer wie unbeteiligt. Roderer gewinnt die Partie, ohne dass es ihn sonderlich zu erfreuen scheint. Die beiden treffen kurz darauf erneut zusammen, als Roderer in dieselbe Klasse im Gymnasium kommt.  Hier wiederholt sich, in gewisser Weise, das Geschehen aus der Bar. Roderer ist unbeteiligt, liest lieber, als dem Unterricht zu folgen. Zwei Schüler, wohl im Wettstreit um die höhere Intelligenz und dabei völlig verscheiden.

Dass Guillermo Martínez‘ Erzählung aus dem Jahr 1992 jetzt erscheint, ist wohl dem Erfolg seiner Krimis (die auf Deutsch auch erst viele Jahre nach der Erstveröffentlichung erschienen) zu verdanken. Es dauert eben seine Zeit, bis es die Romane eines argentinischen Schriftstellers durch die Unendlichkeit der Bücher bis zu uns schaffen.

„Roderers Eröffnung“ ist nun das vierte Buch, das ich von Martínez lese und obwohl nur knapp mehr als 100 Seiten lang, ist es doch wie die Romane fantasievoll durchdacht; wenn auch zugleich ganz anders als seine Kriminalromane. Gemeinsam  haben aber alle, dass Mathematik, Logik. Philosophie und überhaupt viel Wissen und Wissenschaft  in die Handlung eingewoben sind – das Schachspiel ist eine Klammer über die Geistesdisziplinen und somit der perfekte Untergrund für diese Geschichte. Martinez‘ eigenes Wissen ist einerseits spannende Basis, aber in manchen Abschnitten auch durchaus dazu geeignet, mich als ganz und gar nicht Mathematik-affinen Leser enorm zu verwirren. Bei Theoreme, Hypothesen und Axiomen hat mein Gehirn schon in der Schule auf Durchzug gestellt :-)

Wie unterschiedlich zwei Hochbegabte, Roderer und der Erzähler, mit ihrem Leben umgehen, wie sie unterschiedlich sie ihr Potenzial nützen, wie unterschiedlich ihre Ziele und Vorstellungen von der Zukunft sein können. Der eine strebt nach Erfolg und Anerkennung (das Schachspiel ist dabei nur eines der Felder, auf dem er sich misst), der andere zieht sich immer weiter in sich selbst zurück, Schach war nur eine Episode, mit der er sich selbst bewies.

Einzig das Ende ist mir zu melodramatisch …




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