Buchbesprechung/Rezension:

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört ...


verfasst am 05.03.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Lee, Harper, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Eine Kindheit in Alabama, im Süden der Vereinigten Staaten. Es sind die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts, die Depression hat Millionen Amerikaner in die Armut abgedrängt – doch in der kleinen Stadt Maycomb in Alabama scheint die Welt unberührt geblieben zu sein von der Not und dem Elend.

Für die kleine Jean Louise „Scout“ Finch ist das Leben ein einziges Abenteuer. Sie bestaunt alles mit Kinderaugen, hört alles mit Kinderohren und erlebt die Tage mit ihrer Kinderphantasie. Scout ist in jenem Alter, in dem die Welt der Erwachsenen noch wie ein ferner Planet erscheint und Erwachsene ein Leben zu führen scheinen, das so ganz anders ist als das von Kindern.

Ihr um vier Jahre älterer Bruder Jem geht schon in die Schule, ihr Vater Atticus Finch ist Rechtsanwalt in Maycomb und Abgeordneter, den Haushalt vervollständigt Calpurina, die farbige Haushälterin, die schon immer Teil der Familie war. Alles fügt sich nahtlos ineinander, alles kann immer so bleiben wie es ist.

Jahre später erinnert sich Scout an diese Zeit zurück und daran, wie ihre Kinderwelt innerhalb weniger Wochen durch die Welt der Erwachsenen verdrängt wurde, wie für sie und Jem das unbeschwerte Leben durch die Ereignisse in Maycomb endete.

Heute so wie damals

Harper Lee veröffentlichte „To Kill a Mockingbird“ im Jahr 1960. Beinahe 100 Jahre waren seit dem Ende des Bürgerkriegs vergangen, aber die Rassentrennung ist im Jahr 1960 nach wie vor in den Köpfen, im Süden der USA ist sie noch öffentlicher Alltag. Mit ihrem Rückblick auf die 1930er-Jahre beschreibt Harper Lee das, was auch einen Weltkrieg und eine Generation später nach wie vor das Leben bestimmt. Alabama, nicht zufällig wird Harper Lee diesen Staat als Schauplatz des Romanes gewählt haben, wird in den 1960ern zum Brennpunkt der gewaltsamen Auseinandersetzungen über das Ende der Rassentrennung.

In der Kleinstadt Maycomb sind sie alle da: diejenigen, die die Vergangenheit glorifizieren, diejenigen, die als Weiße jeden Kontakt mit Schwarzen unter ihrer Würde betrachten, diejenigen, die mit Gewalt ihre vermeintliche Überlegenheit durchsetzen wollen; nur wenige, die die Rassentrennung überwinden wollen. Atticus Finch ist einer dieser wenigen, die keinen Unterschied nach der Hautfarbe machen, sondern nur nach dem Charakter; seinen Kindern konnte er diese Geisteshaltung vererben.

Ein paar der Gestalten, die in diesem Roman auftauchen – und damit ist die Verbindung zwischen damals und heute hergestellt und es wird klar, dass der Roman auch 60 Jahren nach der Veröffentlichung nichts von seiner Gültigkeit verloren hat – hat man vor ein paar Wochen in das US-Kapitol in Washington stürmen sehen, weil sie ihre kleine, weiße Welt bedroht glaubten.

Was damals und heute gleich ist, das ist auch das Geschehen, das Scout und Jem aus ihrer Kinderwelt reißt.

Der schwarze Landarbeiter Tom Robinson wird beschuldigt, die Tochter von Bob Ewell überfallen und vergewaltigt zu haben. Atticus Finch wird als Pflichtverteidiger bestellt, was umgehend zu Anfeindungen ihm und seinen Kindern gegenüber führt. Wie er nur einen Schwarzen verteidigen könne, ist zu hören. Doch Richter Taylor hat Atticus sehr bewusst ausgewählt, denn Atticus ist wohl der einzige, der es bewerkstelligen könnte, dass ein Unschuldiger freigesprochen wird.

Während sich im Prozess herausstellt, dass Tom Robinson die ihm vorgeworfene Tat nicht begangen haben kann, fällt eine nur aus weißen Männern bestehende Jury einen Schuldspruch. Obwohl alle wissen, dass Bob Ewell die Anschuldigungen nur erfunden hat, ist es für die Geschworenen undenkbar, zu Gunsten eines Schwarzen und gegen einen Weißen zu entscheiden.

Wochen der Veränderung

Der Roman ist zur Gänze aus der Sicht von Scout geschrieben. Die junge Frau erinnert sich zurück und lässt sich selbst als junges Mädchen von diesen Wochen erzählen.

Im ersten Teil des Romanes ist es eine ganze Kinderwelt, voller Geheimnisse und unendlich vieler Dinge, die es zu entdecken gibt. Man möchte die kleine, kluge Scout beneiden, wie sie erkundet, Abenteuer erlebt, wie sie mit ihrem Bruder und ihrem gemeinsamen Freund Dill die Gegend durchstreift, wie sie staunend lernt. Dieser erste Teil des Buches ist ein Kinder- ein Jugend-, ein Abenteuerroman, der einfühlsam und humorvoll von einem Kinderleben erzählt. Wenig deutet darauf hin, dass sich Dramatisches ereignen wird.

Erst im zweiten Teil wird der Blick frei auf die Wirklichkeit in der Welt der Erwachsenen. Es ist die Welt der Intoleranz und Rassismus, in der ein Mann wie Atticus Finch alles versucht, der Ungerechtigkeit und der Verbohrtheit seiner Mitmenschen entgegenzutreten. 

„Wer die Nachtigall stört …“ ist ein Roman der leisen Töne, die aber umso lauter und eindringlicher zu hören sind. Sogar noch lauter, wenn man das daneben stellt, was auch im Jahr 2021 noch immer Alltag ist. Seine nachhaltende Wirkung erzielt der Roman dadurch, dass er einfach und klar nur das erzählt, was geschieht; mehr ist nicht nötig.

Weil um ein so fundamentales Thema geht, ist das Attribut „wunderbar“ für diesen Roman vielleicht nicht ganz passend. Es fällt mir aber keines ein, das passender wäre. Harper Lee hat nur sehr wenige Werke hinterlassen: mit „To Kill a Mockingbird “ ist aber der Roman darunter, der so allumfassend wie nur wenige andere das Land und die Menschen in den Südstaaten* beschreibt.

*Südstaaten als Synonym für eine Geisteshaltung, nicht als geografische Definition.




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