Buchbesprechung/Rezension:

Francesca Buoninconti: Grenzenlos
Die erstaunlichen Wanderungen der Tiere


verfasst am 24.03.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Buoninconti, Francesca, Naturwissenschaft
LiteraturBlog Bewertung:

Im Wasser, zu Lande und in der Luft: überall auf der Welt sind zu jeder Zeit Millionen von Lebewesen unterwegs, ziehen in kleinen oder großen Gruppen an Orte, zu denen es schon unzählige Generationen vor ihnen gezogen hat.

In unseren mitteleuropäischen Breiten bekommen wir nicht mehr viel mit von diesen Wanderungen der Tiere. Am sichtbarsten sind die Vogelschwärme, die ab dem Spätsommer über den Himmel nach Süden ziehen. Zu den Wanderungen der Lachse sehen wir oft Dokumentationen im Fernsehen und wenn wir über Landstraßen fahren, dann bemerken wir im Frühjahr oft Schilder mit Hinweisen auf die Krötenwanderung und die Bitte, vorsichtig zu fahren. Doch das Thema Wanderung ist im Tierreich viel weiter verbreitet, als wir es aus eigener Anschauung mitbekommen.

„Grenzenlos“ berichtet über unsere Perspektive hinaus von der unglaublichen Vielfalt und den faszinierenden Details zu einem Phänomen, das seit Urzeiten das Leben auf der Erde prägt: wenn Lebewesen auf der Suche nach den besten Futterplätzen und den besten Plätzen für die Aufzucht des Nachwuchses unglaubliche Wegstrecke bewältigen.

Weil wir selbst diesen Zügen ja nur ganz selten folgen können, war es bis vor – in historischen Dimensionen gesehen – nicht allzu langer Zeit wenig bekannt, wohin die Vögel verschwinden und woher sie im Frühling kommen, wo die Lachse ihr Leben verbringen bevor sie hunderte Kilometer die Flüsse hinauf ziehen, um dort zu sterben, wohin die Meeresschildkröten verschwinden, um viele Jahre später wieder an den Strand zurückzukehren, auf dem sie zur Welt kamen.

Vögel, Fische, Reptilien, Amphibien, Säugetiere, Insekten: in allen diesen Gruppen gibt es wahre Giganten, was die Strecken betrifft, die sie im Laufe eines Jahres und im Laufe ihres Lebens zurücklegen. Wenn auch der Grund dafür für diese Wesen mehr oder weniger gleich ist – Nahrung und Fortpflanzung – so sind die Auslöser der sich ewig wiederholenden Wanderungen ganz unterschiedlich und es werden ganz unterschiedliche „Techniken“ verwendet, um ans Ziel (und wieder zurück zu Ausgangspunkt) zu kommen.

Bei allem, was sich durch die Luft oder über Land bewegt, lässt sich durch Beobachtung und durch globale Zusammenarbeit viel über die Wanderungen selbst herausfinden. Schwieriger ist es dann schon, die Auslöser und die Art der Orientierung zu erforschen. Die Länge der Tages-Helligkeit, die Temperaturen, individuelle Navigation oder genetische Veranlagung, Orientierung am Erdmagnetismus oder an Landmarken, Prägung oder eigenes Erlernen: die Evolution hat sich unglaubliche Entwicklungen einfallen lassen, und je nach Gattung und Art ganz eigene Mechanismen in Gang gesetzt.

Die umfangreichsten Wanderungen findet jedoch dort statt, wo es für uns kaum möglich ist, sie direkt zu beobachten – unter Wasser. Riesige Fischschwärme, kleine Gruppen von Walen, einsame Walhaie, die Reisen der Pinguine, die schon erwähnten Schildkröten und Lachse sind dort unterwegs und entziehen sich unseren Nachforschungen – wenn wir auch immer mehr dazu lernen.

„Grenzenlos“ gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung und zugleich über jene Bereiche, über die wie auch heute noch zum Teil nur spekulieren können. Und es ist ein unglaublich vielfältiges Kapitel des Lebens auf der Erde, von dem Francesca Buoninconti in diesem Buch mit vielen Details erzählt.

Wanderungen, das ist auch im Buch sehr anschaulich dokumentiert, bringen aber nicht nur Nutzen für die Tiere selbst, sondern sind auch ein unersetzlicher Faktor im Gleichgewicht der Natur. Ein Buch über die Wanderungen der Tiere ist daher nicht vollständig ohne die Themen Klimawandel und Zersiedelung. Die Veränderung der Temperaturen hat direkten Auswirkungen auf die Zeitpläne der Tiere, Verkehrswege, Landwirtschaft oder Siedlungen unterbrechen die Wanderwege, die Lichtverschmutzung stört die Orientierung.

Es ist über schier unglaubliche Leistungen der Tiere zu lesen, wie sich das Verhalten über Jahrtausende entwickelt hat und wie lern- und anpassungsfähig einige Arten sind. Es ist aber eben auch darüber zu lesen, dass wir Menschen auch hier gerade dabei sind, mit unserem Handeln (bzw. unserem Nicht-Handeln) einen essenziellen Baustein des Lebens auf der Erde in Gefahr zu bringen.

#FridaysForFuture




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