Buchbesprechung/Rezension:

Henry Gee: Eine (sehr) kurze Geschichte des Lebens


verfasst am 30.05.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Gee, Henry, Naturwissenschaft
LiteraturBlog Bewertung:

Die ganze Geschichte des Lebens auf der Erde auf 300 Seiten zu erklären – geht das? Nun ja, es geht, wenn auch mit Einschränkungen.

Die kompakte Beschreibung der Vorgänge bringt es mit sich, dass man meinen könnte, alle diese Entwicklungen wären zielgerichtet, wenn auch langsam, verlaufen. Verstärkt wird das noch durch Formulierungen, die vieles eben so klingen lassen, als hätte ein urzeitliches Lebewesen beschlossen, nur diese Gliedmaßen, jenes Verhalten oder eine bestimmte Art der Fortpflanzung anzunehmen. Dass es sich bei jedem der beschriebenen Entwicklungsschritte um das Ergebnis tausender, zehntausender Versuche handelt, die alle in eine evolutionäre Sackgasse führten, geht ein wenig unter.

Zusammengefasst ist in diesem Buch der aktuelle Stand der Forschung, wobei ich es immer wieder faszinierend finden, wie aus Fossilien derartig viele Informationen gewonnen werden können. Wäre es nicht unglaublich spannend, sich an einen beliebigen Ort zu einer beliebigen Zeit in der Vergangenheit versetzten zu können? Beobachten, wie es war, einen unserer Vorfahren zu bestaunen, den Moment zu erleben, als die Wasserbewohner erstmals das Land betraten.

So etwas fällt mir beim Lesen des Buches ein, denn man findet eben nicht nur Informationen, sondern kann sich auch in diese weit zurückliegende Zeitalter versetzen und ein wenig die Fantasie spielen lassen.

Wie aus ein paar undefinierbaren Zellhaufen all das entstand, was in Vergangenheit und Gegenwart auf der Erde lebte und lebt, das ist eine unglaubliche Geschichte, die sich in Wahrheit mit Worten niemals so beschreiben lässt, dass man davon eine auch nur halbwegs realistische Vorstellung bekommt. Wenn jeder einzelne kleine Schritt der Evolution tausende Generationen und noch mehr Jahre benötigte, dann ist das immer mehr, als unser Verstand vollends verarbeiten kann. Auch wenn ich nun verstehe, wie beispielsweise unser Ohr entstand, so fällt es doch schwer sich vorzustellen, wie viele Fehlversuche es gegeben haben muss, bevor so etwas wie Trommelfell, Hammer, Amboss und Steigbügel so funktionierten, wie sie es heute tun. Und das ist nur ein winziger Teil dessen, was sich über Jahrhunderttausende entwickelte (und oft auch wieder verschwand).

Was aber waren denn diese Fehlversuche, was entwickelte sich über die Zeiten und verschwand, ohne Spuren zu hinterlassen? Es ist wohl zu befürchten, dass bei allen Froschritten in der Forschung letztendlich nur ein recht kleiner Teil unserer Vergangenheit – und der aller Lebensformen auf der Erde – bekannt sein wird.

Was mir aber tatsächlich fehlt, das sind Illustrationen. Denn Henry Gee erwähnt und beschreibt so viele Arten, von denen man – liest man nur das Buch – eben nur ahnen kann, wie sie ausgesehen haben. Sich jetzt im Internet auf diese Suche nach Darstellungen der Lebensformen zu machte, ist keine wirkliche Alternative.

Abgesehen von diesem Manko liefert „Eine (sehr) kurze Geschichte des Lebens“ tatsächlich eine kompakte Übersicht, die erahnen lässt, wie viel nötig war, um das Leben auf der Erde dorthin zu bringen, wo es heute ist.

Fünf Mal fand auf der Erde bereist ein Massensterben statt und jedes Mal stand das Leben insgesamt auf der Kippe. Wir Menschen sind gerade dabei, die Entwicklungen von Millionen von Jahren in kurzer Zeit zunichtezumachen. Von wegen Krone der Schöpfung.

In seinem Ausblick auf die nächste Milliarde Jahre finde Henry Gee im letzte Kapitel des Buches aber durchaus mutmachende Ansätze, dass sich der menschengemachte Klimawandel eindämmen lässt. Immerhin haben wir alle schon damit genug zu tun, die von der Natur verursachten Katastrophen und Umwälzungen zu überleben.




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