Buchbesprechung/Rezension:

Ned Beauman: Der gemeine Lumpfisch

Der gemeine Lumpfisch
verfasst am 18.03.2023 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Beauman, Ned
Genre: Science Fiction
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Nach dem überwältigenden Erfolg der Bekämpfung des Klimawandelns mit CO₂-Zertifikaten </ironie off>, haben die Staaten der Welt sich eine neue, diesmal quasi todsichere Lösung eines anderen Problems einfallen lassen: Das Artensterben mit sogenannten “Auslöschungzertifikaten” – nein, nicht zu verhindern, sondern zu regeln.

Soweit so vertraut und so überhaupt nicht unwahrscheinlich in einer – unserer – Welt, in der viel über menschengemachte Umweltprobleme geredet, aber keines gelöst wird.

Denn, wir wissen es, zwischen Machtinteressen von Staaten und Wirtschaftsinteressen von mangels Kontrolle viel zu mächtige glonale Unternehmen ist für so belanglose Themen wie Umweltvernichtung, Artensterben und Erderwärmung kein Platz.

Als Unternehmen kann man wählen zwischen dem recht billigen Ausrotten einer beliebigen Tierart, das kostet aktuell rund 38.000 Euro, und einer intelligenten Tierart, wofür man den 13-fachen Betrag hinlegen muss. Eine Lappalie, so oder so.

Weil man es aber in Wahrheit schon längst hinter sich gelassen hat, irgendwelchen ausgestorbenen Tieren oder Pflanzen nachzutrauern, werden die Biodaten von allem, das ausstirbt, in Biobanken gespeichert – das muss reichen. Zudem kann man nahezu alles Essbare in den Laboren herstellen, weshalb natürliche Vorkommen einfach nicht mehr zwingend erforderlich sind, bzw. das wenige, das noch natürlich verfügbar ist, so teuer wurde, dass es nur noch für eine kleine Schicht des Geldadels leistbar ist.

Natürlich ist das Speichern der Daten auch ein Modell, nach dem man Menschen konservieren kann, um sie irgendwann später wieder auferstehen zu lassen.

Nun geht es also um den Gemeinen Lumpfisch (Cyclopterus vulgaris), dem in einem Gutachten Intelligenz bescheinigt wird. Es wird zwar ein wenig teurer werden für das Unternehmen, das gerade an jenem Ort, an dem der Fisch noch vorkommt, Rohstoffe gewinnen möchte, ist bis dahin aber ein ganz normales Geschäft, mit Nebenkosten, die man einkalkulieren kann.

Dann aber bringt ein Hackerangriff auf die Biobanken das ganze Konstrukt mit den Auslöschungzertifikaten ins Wanken und einige Leute werden hypernervös. Darunter auch einer, der von Berufswegen direkt mit den Gemeinen Lumpfischen und dem Rohstoffabbau zu tun hat. Denn, in dieser Zukunft ist es nicht anders als bei uns heutzutage, reicht schon der geringste Anlass, um die Spekulanten auf den Plan zu rufen – folglich rast der Kurs für die Zertifikate durch die Decke.

Ein Roman, der sich quer über aktuelle Themen legt: eine böse Satire, die sich die gegenwärtigen Maßnahmen gegen die Erderwärmung vornimmt, eine Dystopie, die die Folgen der gegenwärtigen sinn- und erfolglosen Umweltpolitik beschreibt, ein Umwelttriller, der von denen handelt, die selbst am Untergang des Planeten noch bestens verdienen, Science Fiction, wenn es um Technologie und Umweltmanipulation geht.

Wer sich schon lange die Frage stellt, wie man diese ganze Umweltzerstörung wirklich beenden könnte, findet vielleicht in diesem Buch eine Antwort. Bzw. kann nachlesen, dass Karin Resaint, die Expertin für das Auffinden intelligenter Lebensformen, eine, wenn auch zugegeben radikale Lösung anbieten kann …

Das alles ist, wie als Gegenpol zum gar nicht so lustigen Hintergrund, leicht und amüsant geschrieben, wie eine rasante, aber belangloses Abenteuergeschichte. Dabei ist es eine düstere Perspektive, eine leider durchaus undenkbare Zukunft unseres Planeten, entspannt erzählt – es hat etwas vom Tanz auf dem Vulkan.

Nebenbei bekommt Ned Beaumans Heimat, Großbritannien, einen ordentlichen Seitenhieb mit. Denn das im Roman “Hermits Kingdom” genannte Land hat sich ganz von der restlichen Welt abgeschottet und vegetiert, immer weiter hinter den anderen zurückbleibend, dahin. Einzig ein paar Leute in der Regierung, wahrscheinlich aus den Reihen der Brexit-Befürworter, verdienen ganz gut an diesen ganzen Auslöschungs-Vorgängen mit.

Wenn man nun meint, dass die sprachliche Leichtigkeit des Romanes das wahrhafte Drama überdeckt, das die Menschheit ausgelöst hat, irrt man. Denn man wird darüber lesen, dass das Verschwinden selbst der – jedenfalls auf den ersten Blick – unwichtigsten Art, dramatische Folgen haben wird, die sich wie fallende Dominosteine immer weiter fortsetzen.

Bemerkenswert ist, wie verzahnt und detailreich diese dystopische Realität durchkonstruiert ist. Gleich zu Beginn der Erzählung erwähnt Beauman, dass alles der Wahrheit entspricht; so wie es sich liest, ist der Autor ja vielleicht sowieso ein Zeitreisender, der einfach nur aus der Erinnerung eine Realität beschreibt, bevor sie passiert?

Nun denn: mit dem Lesen des Romanes wird man vielleicht einiges deutlicher sehen – und dann, das lehrt uns alle die Erfahrung, dennoch den davor eingeschlagenen Weg weitergehen; weil es bequemer ist.




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