Robert Cohen: Abwendbarer Abstieg der Vereinigten Staaten unter Donald Trump
Das New Yorker Tagebuch

verfasst am 16.03.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Cohen, Robert, Zeitgeschichte

Robert Cohen führt Tagebuch über die Amtszeit des Donald Trump.  Diese Chronologie der Ungeheuerlichkeiten, mit einem der ungeniertesten Lügner der Geschichte im Mittelpunkt, umfasst zwar nur die ersten zwei Jahre der Amtszeit dieses „Präsidenten“; doch das, was Robert Cohen daraus aufgeschrieben hat, ist schon jetzt kaum mehr auszuhalten.

Nach einigen Büchern über das Innenleben der Trump-Administration halte ich nun ein Buch in Händen, das nur von außen, aus unserer Zuschauer-Sicht, dokumentiert, was bisher geschah.

Das ist eine Auflistung dessen, was wir in den vergangenen beiden Jahren schon lesen mussten, ergänzt und abgerundet durch viele weitere Details, die es nicht als Meldung zu uns nach Europa schafften. In dieser komprimierten und der persönlichen Sicht Cohens zugespitzten Form gesehen, ist das, was Trump und seine Unterstützer (oder besser: Handlanger) in diesem kurzen Zeitraum schon zu verantworten haben, noch unglaublicher, noch reaktionärer, als wir es sowieso schon wussten.

Ein „Präsident“, der sich vor allem dadurch definiert, dass er die Arbeit der Obama-Regierung zunichte machen möchte, der alles tut, um die Wünsche der Industrie zu erfüllen, der Steuern für die Reichen (und damit auch für sich selbst) senkt, der den Schutz der Arbeitnehmer und der Umwelt radikal einschränkt. Der täglich lügt (die New-York Times führt eine Statistik der Trump-Lügen). Der Diktatoren hofiert und die demokratischen Länder beschimpft. Und der, das ist wohl das erschütterndste überhaupt, trotzdem genau von vielen jener, deren Sicherheit und Lebensqualität und Einkommen er mit jeder seiner Handlungen beschneidet, den Unterpriviligierten und Armen, weiterhin unterstützt und gefeiert wird.

Robert Cohen zeigt seine eigene Erschütterung ganz deutlich in seinen Tagebucheintragungen und er hält sich dabei auch nicht zurück, Trump und seine Konsorten direkt und konkret als das zu bezeichnen, was sie sind: eine Bande von korrupten Lügnern und Betrügern, die ihre Machtfülle für persönliche Bereicherung und Erweiterung ihres Einflusses missbrauchen.

Dazu passt natürlich, dass Trumps Ex-Anwalt Michael Cohen gerade jetzt vor dem US-Kongress seinen ehemaligen Arbeitgeber offen und vor aller Welt als Rassisten und Lügner bezeichnet (das wussten wir zwar schon vorher, aber es ist gut, dies einmal in klaren Worten zu hören).

Ein wenig Masochismus gehört dazu, dieses Buch zu lesen.

Denn: so sehr ich auch die Politik unserer derzeitigen Regierung in vielen Bereichen ablehne – gegenüber dem, was Trump und seine Genossen aus der Republikanischen Partei treiben, sind Kurz, Strache & Co  (beinahe) noch Lehrlinge.

Zurück in die Erinnerung bringt dieses Buch auch vieles, das in der ganzen Menge an Vorfällen schon wieder in Vergessenheit geraten oder untergegangen ist. Es ist zu lesen, wie es den Republikanern im Windschatten von Trumps Twitter-Tiraden regelmäßig gelingt, still und heimlich, beinahe völlig unbemerkt von Öffentlichkeit und Medien, die Zeit immer weiter zurück zu drehen.

Robert Cohen benennt aber auch die Versäumnisse der Demokratischen Partei und zeichnet damit insgesamt das Bild einer US-Demokratie, die kurz davor steht, den Kampf gegen die Populisten, die Demagogen und die Lobbyisten zu verlieren – und das mit Hilfe des gedankenlosen Stimmvolkes, das nicht mehr auf Inhalte sondern nur noch auf Lautstärke und Schenkelklopfen reagiert.

In einem Punkt kann ich Cohes Bewertungen und Aufzeichungen aber gar nicht nachvollziehen: dann, wenn er – im Einklang mit den linken, den rechtspopulistischen und den rechtsextremen Parteien Europas – es als Fehler bezeichnet, dass Russland der Einmischung in die Politik der USA beschuldigt wird. Ein Fehler wäre es, im Sinne des globalen Friedens, Russland und Putin politisch anzugreifen – das ist Cohens Mantra, das er bis hin zum Behauptung ausweitet, dass jedwede Anschuldigung gegen Russland haltlos wäre. Dabei negiert und verharmlost Cohen aber, dass Russland und Putin tatsächlich und unverhohlen aggressiv agieren: im Inneren gegenüber der Opposition und der Presse, nach außen u.a. in der Ukraine,  in Georgien und via Internet-Trollfabriken in der massiven Beeinflussung der Meinung in demokratischen Staaten. Das alles bedeutet nicht, Gespräche mit Russland zu verweigern; doch Klarheit über all das muss doch herrschen.

Aber davon abgesehen, kann ich mich persönlich mit dem Großteil von Cohens Einschätzungen und Bewertungen nur allzu gut identifizieren. Und mir vorstellen, wie er die drastischsten Bezeichungen für Trump vor der Weitergabe an den Verlag aus dem Tagebuch herausgestrichen hat. Man kann sich ja oft viel mehr denken, als man schreiben sollte (mir jedenfalls fallen zu Trump immer wieder neue Superlative des Schlechten ein).

Es ist ein Tagebuch; und darin haben persönliche, oft sehr subjektive Meinungen und Äußerungen eben Platz. In Cohens Tagebuch kann man seinen Frust über das, was derzeit (nicht nur bei und mit Trump, sondern auf vielen anderen Baustellen auf der Welt) passiert, aus jeder Zeile heraus lesen – und bei seinen Tiraden kennt Cohes keine Freunde und Feinde.

Wir blicken über den Atlantik und schütteln meist nur verständnislos den Kopf.
Aber: wir in Europa sind auch nicht in der Position, uns diesbezüglich wirklich besser zu fühlen.

Und: ob der Abstieg abwendbar ist, wird sich erst weisen.


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top