Jasper Fforde: Eiswelt

verfasst am 17.01.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Fforde, Jasper, Science Fiction

Würde man den aktuellen Zustand unserer Welt spiegelverkehrt sehen, dann könnte so etwas wie „Eiswelt“ dabei heraus kommen. Eiszeit im Winter statt Hitzewellen im Sommer, Gewicht zulegen, statt Kilos abspecken, Bevölkerungsknappheit statt Überbevölkerung (etc.).

In der Eiswelt steht die Welt für einige Monate still. Da überwintern die Menschen in Schlaftürmen, während nur wenige der Gefahr trotzen und die eisige Zeit im wachen Zustand erleben. Die Winterkonsuln, die die Ordnung erhalten sollen und diejeneigen, die keinen Winterschlaf halten. Gaunerbanden und Schlafwandler, zombieartige menschliche Hüllen, die in diesen Zustand in Folge der Einnahme eines Medikamentes, das eigentlich für einen tiefen Schlaf sorgen soll, versetzt wurden.

Dieses Medikament mit dem passenden Namen „Morphenox“ und das Pharamaunternehmen HiberTech, das es herstellt, stehen auch im Zentrum der Geschehnisse in der Eiswelt.

Der junge Winterkonsul Charlie Worthing hängt im berüchtigten Sektor 12 fest, über den man sich anderswo die unheimlichsten Geschichten erzählt – Geister und seltsame Vorgänge soll es hier geben, gefährliche Träume und Toccata, die Winterkonsulin, über die man sich das Schlimmste erzählt.

Charlie Worthing hat verborgene Talente, die sich langsam zu Bedrohung für die seit Jahren feststehende Ordnung der Winterzeit entwickeln. Eine Ordnung, deren Beibehaltung so ganz im Sinne von HiberTech ist, denn damit lässt sich viel Geld verdienen.

Bei -40° läuft alles viel langsamer ab; so langsam baut sich auch die Geschichte auf. Das ist in gewisser Weise auch verständlich, denn Jasper Fforde muss zuerst ja eine ganz eigene Welt entwickeln, die wir auch verstehen müssen. Wie in den Thursday-Next-Romanen und im großartigen Roman „Grau“ entsteht ein ganzer Kosmos, in dem die Natur, die Lebewesen, die Abläufe perfekt wie fein geschnittene Zahnräder ineinandergreifen. Darin ist Jasper Fforde nach wie vor ein Meister („nach wie vor“ deshalb, weil er einige Jahre lang, wie er selbst sagt, eine Schreibblockade hatte).

In diesem Roman aber baut sich alles wirklich sehr langsam auf und vieles davon scheint ohne Belang für den Roman zu sein. Im Gegensatz zu den früheren Romanen vermisse ich die sprühende  Originalität, den blitzenden Humor und die fesselnde Handlung, die immer wieder aufs Neue dafür sorgt, dass man nicht erwarten kann zu lesen, wie es weiter geht.

In „Eiswelt“ konnte ich warten, legte das Buch immer wieder zur Seite und hatte nie das Gefühl, unbedingt die Nacht durchlesen zu müssen. Es ist amüsant, überraschend, aber es fehlt viel von dem, was Jasper Fforde für mich zu einem der besten und kreativsten SF/Fantasy-Schriftsteller überhaupt machte. Aber dennoch: wenn man dann später weiter liest, macht man es erneut mit Vergnügen (aber eben gemächlich).

Insgesamt ist „Eiswelt“ ein Roman, in dem sich Fantasy, Science Fiction, Dysopie und Horror zu einer guten Story zusammenfügen. Er kommt zwar nicht annähernd an Jasper Ffordes frühere Romane heran, ist aber für Fans der Genres jedesfalls eine Leseempfehlung.

PS: ein sehr passender Lesestoff für den Jahrhundertwinter, den wir gerade im Jänner 2019 erleben. Aber keine Angst, der nächste Jahrhundertsommer kommt bestimmt :-)

Winter 2019

Jänner 2019: in der Nähe von Windischgarsten in Oberösterreich


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