Jasper Fforde : Grau - Ein Eddie-Russett-Roman

verfasst am 02.09.2011 von | 3 Kommentare
Rubriken: Fantasy, Fforde, Jasper

Nächster Lese-Halt: das Jasper-Fforde-Universum. Das ist jener Ort, an dem alles Surreale und Schräge derart normal und selbstverständlich wirkt, als ob es das Reale wäre.  Es erwartet uns ein langer Aufenthalt und es besteht die Gefahr, hier gefangen zu bleiben. Das macht aber nichts, es kann durchaus sein, dass man sich in diesem Universum sowieso weit besser aufgehoben fühlt als hier auf der Erde (vorausgesetzt man gehört zu den Leuten mit der richtigen Farbsicht).

Im Roten Sektor West, in der Stadt Zinnober, begann es vier Tage zuvor, eigentlich harmlos, eigentlich unauffällig, eigentlich wie immer. Eddie Russett ist einer, der auf die Farbenseite des Lebens gefallen ist, er sieht ROT (die Farbe, Red.) und das macht ihn zu einem Priviligierten. Kein Vergleich mit den Leuten, für die Farbe etwas Unerreichbares ist, die sich mit GRAU (die Farbe, Red.) abfinden müssen. Wobei, auch das muss erwähnt werden, ROT natürlich noch lange nicht die Spitze darstellt, zB. mit GRÜN oder GELB (die Farben, Red.) wäre man noch weitaus besser gestellt.

Dass ihm da Jane, die monochrome, die Graue, über den Weg läuft kann man nur als schicksalhaft bezeichnen, wobei noch nicht klar ist, ob das eine Wendung zum Guten oder zum Schlechten hin ist.  SCHLECHT, weil damit seine Einheirat ins Bindfadenimperium der Oxbloods doch recht heftig gefährdet ist, und weil so eine wie Jane überhaupt nicht den Anforderungen seiner Stellung entspricht. Ein Roter, der sich in eine Graue verliebt, das geht gar nicht! Andererseits GUT, weil sich mit dieser Begegnung die Türe zu neuen Blickwinkeln, neuen Erlebnissen und neuem Wissen eröffnen kann. Nun, man wird sehen.

Hähh? Was? Wie jetzt?

Jasper Fforde schreibt über die Welt des Eddie Russett so, als ob alles darin ganz selbstverständlich wäre, so als ob wir Leserinnen und Leser ja genau wüssten, was das alles bedeutet, was das alles ist. Und er hat recht damit – nein, vielleicht besser gesagt: er bekommt recht damit! Auch wenn man den einen oder anderen Begriff oder Zusammenhang nicht sofort (er)kennt, der Fortgang der Geschichte sorgt schon dafür, dass man alles versteht. Und man sollte sich unbedingt Zeit nehmen bei Lesen, um ja kein Detail und ja keinen Einfall, keine Idee zu überlesen.

Immer wieder tauchen Wörter mit unbekanntem Sinn auf, werden fremdartig anmutende Ereignisse beschrieben, liest man über Regeln und über das Kollektiv und über die Hierarchien, ohne zu wissen, was all dies zu bedeuten hat. Es ist fesselnd, sich weiter durch die Geschichte zu lesen und Schritt für Schritt hinter die Geheimnisse dieser Welt der Farben und der Nichtfarben zu kommen.

Etwas, das wir bald erfahren ist, dass Eddie Russett nicht das Geschöpf irgendeiner fremden Welt ist, er ist vielmehr ein Geschöpf unserer eigenen fernen Zukunft hier auf der Erde. 496 Jahre sind seit dem Ende der Alten und dem Beginn der Neuen Ordnung vergangen, hin und wieder gibt es Hinweise auf die/aus der Vergangenheit, taucht ein alter Begriff aus der Zeit der „Einstigen“ (das sind wir) auf, den niemand erklären kann. Wie aber kam es zu all diesen Veränderungen, was war die Ursache für das Ende der Welt, die wir kennen, wie und warum begann diese neue Welt voller Normen, Regeln, Strichcodes und fremdartiger Begriffe?

Mehr und mehr hatte ich einen Verdacht, was damals (vor 496 Jahren) vorgefallen sein könnte und in welcher Welt Eddie wirklich lebt. Doch fast alles Wissen von damals ist verschwunden oder wurde ganz absichtlich gelöscht und mit jeder kleinen Erklärung taucht eine neue viel größere Frage auf. Auch wenn Eddie viele neue Einblicke gewinnt, das Gesamte bleibt für ihn verborgen.

Je mehr Fforde schreibt, desto größer wird die Neugier, desto mehr will man wissen, wie dies alles entstand, denkt sich selbst etwas dazu aus, erfährt auf der nächsten Seite wieder mehr … einfach Lesen und fertig ist bei diesem Buch praktisch nicht möglich, da wird schon schon ein wenig mehr gefordert und man stellt sich dem voller Begeisterung.

Wie kommt der Mann nur auf so etwas!?

Wie immer bei Jasper Fforde dachte ich mir beim Lesen: „Wie kommt der Mann nur auf so etwas!?“ und war – ebenfalls wie immer – ganz neidisch. Da muss sich in seinem Kopf eine komplette fremde Welt so derart klar abzeichnen, als ob er selbst darin lebe. Denn wie könnte man sonst mit einer derart lockeren Selbstverständlichkeit Sätze schreiben, die völlig irrealen Inhalt in gänzlich reale Form bringen? Ein großes Kompliment geht auch an Thomas Stegers für die geniale Übersetzung solch phantastischer Ergüsse!

Das Ergebnis ist ein Buch, dass sich liest wie sich ein Musikstück voller toller Harmonien anhören würde, Worte und Sätze fügen sich  zu immer neuen (Sprach)Melodien zusammen. Abgesehen von der Verwunderung – vielleicht ist auch ein wenige kindliche Begeisterung dabei – mit der ich all diese fremdartigen Informationen las, bleibt am Ende als Resumee: ein Leseerlebnis! 

Enorm viel Phantasie, zunehmende Spannung und eine Frage, die sich mir aufdrängte: was würde wohl  Georg Orwell von diesem Buch halten?

PS: wer Photoshop (oder ähnliches) zur Verfügung hat, bekommt sogar die Anleitung für ein wenig Originalfarbe ins GRAU. Steht alles im Buch,  z.B. von Seite 25 könnte man das heraus lesen, es ist alles nur eine Frage der Definition:


So sehen 2 Versionen von 35-89-96 aus

PPS: dies ist das erste Buch der Eddie-Russett-Trilogie. Für Fortsetzung ist somit gesorgt und das ist gut so, denn viele Fragen sind noch nicht beantwortet und ich kann es kaum erwarten, weiter zu lesen.



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 3 Kommentare


  • Kommentar von  Annette am 12.09.2011 um 14:35 Uhr Uhr

    Er hat wohl zu lange in Limone gelinst ;-))

  • Kommentar von  Andreas am 12.09.2011 um 14:27 Uhr Uhr

    Irgendwo hab ich gelesen, dass der 2. Teil erst im Jahr 2013 in England erscheint…. Hallo, Herr Fforde, bitte schneller machen!!!

  • Kommentar von  Annette am 12.09.2011 um 14:20 Uhr Uhr

    Achtung: Buch macht Falten
    Und zwar: Lachfalten, Lächelfalten und Nachdenkfalten. Fforde ist nach der großartigen Reihe um Thursday Next ein weiterer Wurf gelungen. Wir finden uns im Monochromen mit gelegentlich sichtbaen Farbpunkten und in einer Welt, die so seltsam ist und trotzdem oft bedenkliche Parallelen mit unserer aufweist.
    Andreas Analyse „Wie kommt man nur auf so etwas“ kann ich nur unterstreichen.
    Jetzt gehe ich um ein bissl 102-240-48 (Oil of Olaz) und warte gespannt auf den nächsten Teil der Trilogie.
    Falls es 6 Sterne gäbe, würde ich die auch noch vergeben.
    Es ist erstaunlich, wie bunt grau ist.

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