Christopher Clark: Die Schlafwandler
Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

verfasst am 04.05.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Clark, Christopher, Geschichte

Egal, wieviele Bücher man zum Thema 1. Weltkrieg schon gelesen hat: es gibt noch viel zu erfahren über die “Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts”. Ein enorm spannender Aspekt bei vielen der jetzt, zum Gedenken an den Ausbruch des Krieges vor 100 Jahren, erscheinenden Bücher ist der Versuch der objektiven Bewertung der damaligen Ereignisse.

Historisch gesehen, konnte man in den Jahren nach dem Krieg die Frage nach den Verantwortlichen für das Massensterben recht einfach beantworten: es waren die anderen.

Liest man Bücher zum Thema aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, dann wird man darin nicht nur immer wieder weitere, davor unbekannte Fakten finden, sondern vor allem eine sich wandelnde Betrachtung über die Ursachen. Die werden zunehmend differenziert betrachtet und im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Einschätzung quer über die damaligen Frontlinien hinweg einander angenähert.

Christopher Clark beginnt seine Bewertung mit den Ereignissen in Serbien, von den 1870er-Jahren bis zum verhängnisvollen Tag, dem 29.Juni 1914 in Sarajewo, als Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger erschoss. In der Monarchie selbst war Franz Ferdinand ein ungeliebter Erbe des Kaiserthrones. Im Gegenteil wurde der nunmehr neue Thronfolger, der spätere Kaiser Karl, weitaus mehr geschätzt, in ihm sammelten sich viele Hoffnungen über den Fortbestand der Monarchie.

Für Österreich-Ungarn war es trotzdem eine Frage der Ehre, Serbien unter Druck zu setzen – und hier treffen sich die weithin bekannten Fakten mit Clarks Analysen. Es standen einander zwei Staatengebilde gegenüber die beide im Inneren uneins und von unterschiedlichen Gruppierungen mit divergierenden Interessen beeinflusst wurden.

Nun befanden sich diese beiden Staaten in einem schwer lösbaren Konflikt, was die anderen europäischen Mächte blind für eigene Interessen ausnützten – in der Folge marschierten alle sehenden Auges in einem konzertierten Schritt in den Abgrund.

Dies aber war nur eine von immens vielen Säulen, auf denen das Monstrum Weltkrieg stand.

Letztendlich geschah es nach dem Willen einiger weniger Personen, deren persönliche Befindlichkeiten und Eitelkeiten millionenfachen Tod verursachten (und vielleicht einmal abgesehen von der schieren Menge der Opfer geschieht so etwas auch heute noch tagtäglich irgendwo auf unserem Planeten): die Militaristen diktierten und die Staaten folgten ihnen.

Der 100. Jahrestag des Ausbruch des 1. Weltkrieges ist der Anlass führt ein schier unüberschaubare Zahl an Veröffentlichungen. Viel mehr als in der Vergangenheit geht es nun aber um die Bewertung, die Einordnung, die Ursachenforschung. Und die führt, darin stimmen WissenschaftlerInnen und AutorInnen aus allen Ländern weitgehend überein, zu einer Neubewertung der Ausgangslage.

Nach dem Weltkrieg war kein Platz für objektive Betrachtung und die verbleibenden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren von jeweils aktuelleren Krisen geprägt. So ist es unserer Zeit überlassen, sich mit der Aufarbeitung so objektiv wie möglich zu befassen.

“Die Schlafwandler” beschreibt sehr umfangreich und detailliert, was sich den den Jahrzehnten davor in den Ministerien und Staatskanzleien der europäischen Mächte abspielte. Wie Einzelinterressen, persönliche Ressentiments und individuelles Machtstreben, absichtliche, wie unabsichtliche Fehlinterpretation in allen beiteiligten Ländern zu einem Konflikt führten, den in seiner Tragweite niemand vorhersehen konnte.

Entstanden ist ein Grundlagenwerk, das durch wissenschaftliche Details genauso überzeugt, wie durch klar erfassbare Analysen und Beschreibungen

PS: Lernen ließe sich daraus, daß Machtspiele um des kurzzeitigen Nutzens willen, unkalkulierbare Folgen haben können. Leute wie Slobodan Milošević, George W.Bush, Donald Rumsfeld oder Wladimir Putin (um ein paar Namen aus Gegenwart und jüngerer Vergangenheit zu nennen) hat so etwas aber zu keiner Zeit gekümmert. Ganz im Gegenteil leben wir in einer Zeit, in der Nationalismus und das damit einhergehende Unverständnis für die Bedürfnisse der anderen auf dem Vormarsch sind.


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