Sebastian Kretz: Unkraut
Tatort Neukölln

verfasst am 02.07.2018 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kretz, Sebastian, Kriminalromane

Für jeden Tag ein Kapitel. Mit Datum, damit dieser Eindruck entsteht, nach dem man meint, dass da beinhart ermittelt wird. 20,30 Seiten pro Tag und dabei geht – nicht viel  weiter; jedenfalls lange nichts, das den Aufdruck “Kriminalroman” auf dem Cover rechtfertigen würde.

Um es zu erklären: auf der ersten Seite ganz oben nimmt jemand (der Kommissar Harmsen, nehmen wir einmal an) sein Handy in die Hand und frühestens auf der nächsten Seite unten beginnt er zu wählen. Was dazwischen passiert? Da wird über alles möglich sinniert, Kommissar und Autor schweifen von millionsten ins milliardste ab und falls da doch etwas wichtiges für die Handlung stattgefunden hätte, würde man es überflogen haben. Weil sehr, sehr viele Wörter den Blick auf eine Handlung verstellen.

Überdies passiert an so einem “Arbeitstag” so wenig, dass es für 30 Minuten Arbeitszeit auch reichen würde. Arbeitsbeginn – ein Gespräch (vielleicht sogar zwei) – dazwischen Essen – Feierabend. Ich möchte auch Kriminalkommissar in Berlin werden!

Mit Columbo oder Monk (und anderen) haben zwar die Detektive mit einem gewissen Spleen in das Genre Einzug gehalten, aber das, was Sebastian Kretz mit seinen beiden Hauptdarstellern macht, das geht weit darüber hinaus. Leider viel zu weit, denn Handlung und Spannung haben keine Chance gegen die andauernden Schwall von an Hintergrund- und Nebengeschichten und überzogenen Übertreibungen.

Zur Handlung: der technisch und methodisch irgendwann im 20. Jahrhundert hängen gebliebene Kommissar Harmsen muss sich neuerdings die Fälle mit seiner Kollegin Peggy Storch teilen. Die lebt zwar im heute, aber auch in einer eigenen Welt. Zusammen sollen die beiden Stadtneurotiker einen Mord in einer Laubensiedlung in Berlin klären. Dabei treffen sie auf allerlei klischeehaft charakterisierte Typen. Kiffende Teenies, Altnazis, geschäftige Manager.

Erst in den letzten beiden Kapiteln weichen die nebensächlichen Hintergrundgeschichten zurück und ich habe den unverstellten Blick auf die Krimihandlung. Und siehe da: zum Ende hin wird es spannender, lesbarer. Ein guter Krimi wird es aber leider nicht mehr.


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