Franz Werfel: Der Abituriententag
Die Geschichte einer Jugendschuld

verfasst am 25.05.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Werfel, Franz

Der AbituriententagSchon zu normalen Zeiten wird man bei einem Treffen zum 25-jährigen Maturajubiläum vielfältige Überraschungen erwarten dürfen. 25 Jahre, was wurde aus wem, wer hat nach dem Gymnasium ein Leben geführt, das man nach seinem Auftreten in de Schule erwarten durfen, wer ging einen gänzlich unerwartetet Weg. Wen wird man erkennen, wer wird völlig fremd erscheinen.

Wenn es aber keine gewöhnlichen Zeiten sind, was soll man dann von einem solchen Treffen erwarten? Wenn in diesen 25 Jahren ein Weltkrieg die Menschen und Länder veränderte, wenn in diesen 25 Jahren eine jahrhundertalte Gesellschaftsform einfach unterging und eine neue sich noch nicht richtig herausgebildet hatte. Zwischen 1902 und 1927 geschah so viel.

Ein paar der früheren Mitschüler blieben tot in irgendeinem Schützengraben irgendeines Schlachtfeldes zurück, von einigen ist ihr Aufenthaltsort unbekannt und nun sitzen 15 der ehemals 27 Schulkameraden rund um einen Tisch und mehr trennt sie, als sie verbindet. Nicht anders, als es früher schon in der Klasse war.

Unter denen, die fehlen ist auch Franz Adler, denn der sitzt an diesem Tag in Untersuchungshaft, den Mord an einer Prostituierten wirft man ihm vor.  Mit am Tisch sitzt jedoch Sebastian von Portorosso, der für diesen Fall zuständige Untersuchungsrichter. Beim ersten Verhör hatte er den ehemaligen Kommilitonen nicht sofort erkannt; nun aber berichtet er der Runde von dieser Neuigkeit; Ungläubigkeit, Erstaunen, ja Entsetzten ruft er mit seinem knappen Bericht hervor, denn der Franz Adler, der erschien allen damals, in der Schulzeit, wie einer, der zu Höherem berufen wäre.

Ein kurzer Abend: schon nach wenigen Stunden ziehen sie alle wieder dorthin zurück, wo sie herkamen. Ein weiteres Treffen hat in diesem Moment wohl keiner im Sinn.

Es ist so, dass  die Grausamkeiten unter Heranwachsenden immer schon gleich gewesen wären, vor hundert Jahren nicht anders als heute oder in hundert Jahren. Gleich brutal, gleich erbarmungslos, gleich zerstörend, gleich gedankenlos (Nur die Mittel haben sich geändert, seit Handy, MySpace und Facebook die Plattformen dafür wurden).

In Sebastian tauchen alte Erinnerungen auf. Von damals, als er in diese neue Klasse kam. Als er Franz Adler und die anderen kennenlernte. Als er, 16 Jahre alt war er damals, mit ein paar wenigen kleinen Gehässigkeiten alles auf den Kopf stellte, was damals die Struktur dieser Klasse ausmachten. Ja, nach all diesen Jahren mag die verblassende Erinnerung wohl diese oder jenes geändert, neu zusammengestellt haben. Aber am Ende bleibt es dabei:  daran , dass Franz Adler da vor ihm im Richterzimmer sitzen muss, daran trägt Sebastiian selbst gehörige Schuld.

Ein wenig muss man sich die die Gedankengänge dieses Buches kämpfen, da steht kaum etwas geschrieben, dass man so einfach und schnell quer lesen möchte oder könnte. Und manchmal wird man sich wahrscheinlich auch wünschen, es wäre weniger ausladend geschrieben.



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