Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand

verfasst am 02.09.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Köhlmeier, Michael, Romane

Ein Verwirrspiel zwischen historischer Wahrheit und darum herum gesponnener Phantasie. Während die Freundschaft zwischen Winston Churchill und Charlie Chaplin eine Tatsache ist, sind viele der von Michael Köhlmeier beschriebenen Begegnungen und Gespräche das Ergebnis reiner literarischer Vorstellungskraft.

Im Jahr 1927 standen, rein zufällig, die beiden Männer auf der Terrasse des Hauses von Verlagstycoon Randolph Hearst in Santa Monica. Das Treiben auf der Party drinnen hatte beide, unabhängig voneinander, nach draußen vertrieben. Wie aus einem sofortigen, tiefen Verständnis füreinander unternehmen die beiden Männer einen langen Spaziergang am Strand und offenbaren, zwei einander völlig fremde Menschen, dem anderen ihre uneigensten Ängste, die sie noch niemandem sonst zuvor offenbarten.

Jahrzehnte später wird der (fiktive) Biograph Josef Melzer dies als Ausgangspunkt für seine Recherche über das Leben von Charlie Chaplin nehmen.

Beim diesem ersten Treffen am Strand gab es keine Zeugen, niemand weiß, was dort gesprochen wurde. Gesichert jedoch ist, dass daraus eine lebenslange Verbundenheit und Freundschaft entstand, dass sich an diesem Abend zwei einander verwandte und vertraute Seelen gefunden hatten. Der Ich-Erzähler mit seinen gefundenen Dokumenten, den angeblich entdeckten Briefen, dem angeblichen Interview, das Chaplin kurz vor seinem Tod im Jahr 1977 gegeben hätte: er ist jedenfalls kein Zeuge dafür, denn auch er selbst ist, mit all seinen Papieren, seinen Rückblicken, mit allem was er angeblich von seinem eigenen Vater erfahren habe, reine Erfindung.

Die Gemeinsamkeit der beiden bedeutenden Männer ist die latente Sehnsucht, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Sie nennen sie den „Schwarzen Hund“, eine Depression, die sie seit dem Kindesalter verfolge und ihr Leben lang nicht los ließ. Churchill und Chaplin kommen überein, den Kampf gegen ihren inneren Feind von nun an gemeinsam zu führen. Gemeinsam, denn es gibt ansonsten niemanden auf der Welt, der sie verstehen oder ihnen Beistand geben könnte.

Vor dem Hintergrund der umwälzenden Ereignisse in der Mitte des 20. Jahrhunderts führen C&C ihre Gespräche, treffen einander an unterschiedlichen Orten, versprechen einander, nötigenfalls über den halben Erdball zu eilen um dem anderen in einer Krise beizustehen.

Historische Ereignisse geben dem Roman den Rahmen. Von der Arbeit Chaplins an seinen Filmen, die in dem Meisterwerk „Der große Diktator“ mündete, bis zu Churchills Aufstieg zur ewigen Legende des Widerstandes gegen Nazi-Deutschland. Beider Leben wird von den Ereignissen dieser Zeit beeinflusst und beide prägen durch ihre Taten und Worte diese Zeit.

Und es rückt ein weiterer Seelenverwandter in den Fokus: so vollkommen anders als die beiden aber doch so vertraut, gesellt sich eine weitere Person in den Kreis derer, die gegen den „Schwarzen Hund“ ankämpfen. 

Einmal liest sich der Roman wie eine Biographie. Dann wieder wie eine Chronik der 1930er-Jahre. Der stete Ineinander-Fließen von Fakten und Erfundenem macht es indes schier unmöglich, die Übergänge zu erkennen, wo aus der Realität eine Fiktion wird und umgekehrt.

Was verwirrend ist, ist zugleich auch die Spannung. Eine latente Spannung gewissermaßen, ohne dass es jemals so zu nennende Höhepunkte in der Handlung gäbe.

Den größen Teil des Buches nehmen Berichte über Churchill und Chaplin ein, über deren Leben und Wirken. Nur selten, in größeren zeltichen Abständen kommen sie zusammen, dazwischen liest man zwei Biografien, die gänzlich unabhängig voneinander ablaufen. (Übrigens: mit dem Versuch zu klären, was denn daraus nun historische Wahrheit ist und was rein dichterische Erfindung, habe ich erst gar nicht erst begonnen).

So ergibt sich ein faszinierendes Bild der beiden berühmten Männer, eingebettet in die Zeit in der sie lebten und die sie prägten (Faszinierend, aber stellenweise auch ein wenig zu ausufernd in seinen Abschweifungen und mit seinen vielen Nebenschauplätzen).

Faszinierend und zugleich doch ungemein verwirrend, weil ich für mich nicht wirklich feststellen konnte, ob es sich bei den beschriebenen Männern tatsächlich um Churchill und Chaplin handelt, oder ob Michael Köhlmeier zwei Charaktere erfunden hat, denen er nur die Maske und biografische Details von Churchill und Chaplin umgeschnallt hat.

Zusammengefasst: ein Buch, das unbedingt fesselt.

Chaplin und Churchill: Aufnahme aus dem Jahr 1929

Ausschnitt aus der Lesung im Wiener MuseumsQuartier am 14.08.2014.



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