Buchbesprechung/Rezension:

Michael Köhlmeier: Die Nibelungen - neu erzählt


verfasst am 23.12.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Köhlmeier, Michael, Sagen
LiteraturBlog Bewertung:

Michael Köhlmeier, der begnadete Geschichtenerzähler. In seiner Version der Nibelungen-Sage ist alles einfacher, direkter, schöner zu lesen. Dabei stört es beinahe überhaupt nicht, dass der Erzähler die Erzählung mit Dingen ergänzt, die es zu Zeiten der Original-Nibelungen nicht gar nicht gab.

Im Großen und Ganzen bleibt die Basis der alten Sage erhalten.

Es ist nach wie vor die Geschichte der Liebe zwischen Siegfried von Xanten und Kriemhild von Worms, dem klassische Helden und der wunderschönen Prinzessin. Mit dabei ist auch Hagen von Tronje, der wie ein Regent die Geschicke Burgunds steuert (Nebenbei ist er auch noch selbst in Kriemhild verliebt) und der sich durch diese Liebe in seiner mächtigen Position bedroht fühlt. Denn Siegfried wäre genau der Richtige am Thron, der König Gunther, Bruder Kriemhilds und zaudernder Herrscher Burgunds, der gar nicht gerne regiert, an der Seite Kriemhilds beerben könnte.

Köhlmeier macht aus der alten Sage, deren erste Quellen gut 1.500 Jahre und mehr alt sind, ein jetzt leicht lesbares Märchen über Liebe, Macht und Verrat. Das  legendenumrankte Reich Burgund mag in diesem Märchen auch zu einer ganz anderen Zeit als im Original angesiedelt sein. Man schwankt zwischen dem 16. Jahrhundert, als die Kartoffel nach Europa kam, die in diesem Märchen bereits begeistert verzehrt werden, und dem 19. Jahrhundert, wenn Siegfried seine unbändige Kraft in einer Eisenbahnschienen-Produktion einsetzt. Schlussendlich aber ist Köhlmeiers Fassung eine zeitlose Erzählung.

Die Erzählfreude ist aus jeder Zeile zu spüren, wenn Köhlmeier hier etwas einfügt, dort etwas erklärt, weg lässt oder den Fortgang der Handlung, die Dramaturgie gebietet es, einfach abändert.

Den wichtigsten Moment der Nibelungen-Sage kennt man ja: Siegfrieds Zusammentreffen mit dem Drachen, wie er unverwundbar wurde – bis auf diese winzige ungeschützte Stelle, wo ein Blatt unbemerkt auf Siegfrieds blanke Haut gefallen war. Nur liest man hier eine völlig andere Geschichte darüber, wie es dazu kam und was geschah. So ergeht es auch vielen anderen wohlbekannten Begebenheiten, die Köhlmeier kurzerhand durch etwas anderes ersetzt.

Der rote Faden bleibt zwar insgesamt erhalten, in vielen Details werden die Nibelungen aber tatsächlich „neu erzählt“.




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