Susanne Scholl: Emma schweigt

verfasst am 19.05.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Scholl, Susanne

Zwei Frauen, deren Lebensgeschichten unterschiedlicher nicht sein können, begegnen sich in Wien. Emma, eine ältere grantelnde Frau, mittlerweile in Pension und Sarema, eine aus Tschetschenien geflüchtete Asylsuchende, verbindet ein Zufall. Ein kurzes Stück gemeinsame Geschichte und doch zwei Welten. Ein berührendes Buch!

Emma war einmal mit Georg verheiratet. In jungen Jahren arbeitete er im Sommer als Badewaschel im Wiener Stadionbad. Emma hat sich in das braungebrannte Muskelpaket verliebt und bald war ein Kind unterwegs. Als Hansi erwachsen wurde, suchte sich Emma einen Job bei einem Notar. Der einzige Sohn wollte Medizin studieren und so wurde ein zweites Einkommen gebraucht.

Dann plötzlich hat der Ehemann Georg neue Herausforderungen gesucht und auch gefunden. Zuerst Sabine, dann Judith. Beide waren gut 20 Jahre jünger als Emma. Welche Frechheit! Und dann ließ sich Georg auch noch scheiden!

Ein Schicksalsschlag für Georg, als er einen Schlaganfall erlitt und von seiner „Herausforderung“ Judith ins Pflegeheim abgeschoben wurde. Emma empfand so etwas wie Genugtuung. Dem Georg wird es egal gewesen sein, erfasste er doch nicht mehr die Realität als Ganzes.

Emma bezieht mittlerweile eine Pension und wohnt alleine, nur die Katze Mitzi leistet ihr mehr oder weniger Gesellschaft, wie halt Emma wünscht. Sie besucht ihren Ex-Gatten mehrmals die Woche im Heim. Schließlich ist er der Vater ihres Sohnes.

Das Leben verläuft aber plötzlich nicht nach ihren Vorstellungen. Die Einsamkeit macht ihr zu schaffen und dann wird der Hansi auch noch Vater von einem Türkenbankert. Emma ist ausländerfeindlich, mag die Respektlosigkeit der Jugend nicht, überhaupt ist sie eine relativ grantige Person, diese Emma – sobald sich das Leben, dass sie sich wie in einem „Schachterl“ organisiert hat verändert, tauchen zu viele Fragen auf – ja, Veränderungen machen auch Angst.

Bei einem Einkauf stürzt Emma im Supermarkt und bricht sich ein Bein. Sarema und ihr Sohn Schamil aus Tschetschenien beobachten dieses Missgeschick und holen die Rettung. Täglich besuchen sie die alte Dame, die mit einem Liegegips im Spital liegt.

Sarema ist mit ihrem Sohn aus Grosny geflüchtet. Sie warten auf einen hoffentlich positiven Asylbescheid, das kann dauern. Bis dahin ist Sarema zum Nichts-Tun verdonnert. Sie darf nicht arbeiten – und so übernimmt sie auch die Pflege, als Emma aus dem Krankenhaus entlassen wird.

Immer der Angst ausgesetzt, von der Fremdenpolizei abgeschoben zu werden und in ihre alte Heimat zurückkehren zu müssen, kostet Sarema viel Kraft. Sie wünscht sich eine bessere Zukunft für ihr einziges Kind. Doch in der Nacht holt sie die grausame Vergangenheit, die sie endlich hinter sich lassen möchte, immer wieder ein. Der Krieg in Tschetschenien, Ermordungen, Vergewaltigung, der Tod ihrer Kinder, Hunger, Ängste und der Verlust ihrer großen Familie.

Plötzlich bekommt Emma keinen Besuch mehr von Sarema und dem ihr inzwischen sehr ans Herz gewachsene Schamil…

Ein wunderbarer Roman! Susanne Scholl verbindet in ihrem Buch Humor und Tragik, persifliert österreichische Verhaltensweisen und gibt gleichzeitig einen Einblick in die brutalen Kriegswirren Tschetscheniens. Absolut lesenswert!


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