Buchbesprechung/Rezension:

Peter Henisch: Der Jahrhundertroman


verfasst am 28.08.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Henisch, Peter, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Über den Autor:
Peter Henisch wurde 1943 in Wien geboren. Er studierte Philosophie und Psychologie und war daneben journalistisch tätig. Peter Henisch erhielt zahlreiche Preise und Auszeichungen, unter anderem den Österreichischen Kunstpreis für Literatur.

Über das Buch:
Der Titel „Jahrhundertroman“ klang vielversprechend und die Kurzrezension mit den Worten „Henisch schreibt so scheinbar leicht, so heiter-melancholisch, wie Franz Schubert komponierte.“ überzeugte mich dann endgültig, denn ich liebe Schuberts Lieder. Meine Erwartungen waren also hoch und wurden schon nach den ersten Seiten enttäuscht. Schubert hätte nie ohne Taktstriche komponiert, der Autor schreibt aber ohne Satzzeichen der direkten Rede. So humpelt man durch die Geschichte, da man jeweils erst am Ende eines Satzes entschlüsselt, ob es sich dabei um eine Rede oder eine Beschreibung handelt. Und auch wer etwas sagt, wird oft nicht erwähnt, das erschließt sich aber zumindest anhand der Worte.

Als dann auf Seite 64 ganze fünfmal ein Satz mit „und“ beginnt, war meine Laune was den Schreibstil betrifft noch mehr im Keller und ich quälte mich durch die restlichen Seiten.

Die Geschichte allerdings war die Mühe wert.
Herr Roch, ein schrulliger, alter, ehemaliger Buchhändler lernt in seinem Stammcafé Klee die Studentin Lisa kennen, die dort als Aushilfe arbeitet, um sich ihr Studentenleben zu finanzieren. Lisa wuchs gut situiert als Tochter wohlhabender Eltern auf. Ihr glückliches Familienleben war aber mehr Schein als Sein. Als das Verhältnis ihres Vaters zu seiner Ordinationsgehilfin aufflog, ging ihr Bild von der heilen Familie endgültig kaputt. Seitdem distanziert sie sich von ihren Eltern, die einen erbitterten Scheidungskrieg führen, und versucht finanziell alleine klar zu kommen.

Lisa studiert Germanistik und sitzt im Café in jeder freien Minute an ihrem Laptop, um Erlebtes, E-Mails an ihre Freundin Semira, die später mit einer drohenden Abschiebung zu kämpfen hat, ebenso wie Prosa und Gedichte niederzuschreiben.

Die Caféhausbesitzerin überlässt Lisa immer öfter alleine den Laden und in diesen Stunden versucht Herr Roch Lisa davon zu überzeugen, das handschriftliche Manuskript seines Jahrhundertromans für ihn abzutippen, zunächst für 2 Euro pro Seite, später dann für 3 Euro.

Im November ist Lisas finanzielle Lage so prekär, dass sie sein Angebot annimmt und es zur Übergabe des ersten Teils seines Manuskripts kommt. Als Lisa zu Hause den Text durchgeht, versteht sie nichts, da sie Rochs Handschrift nicht lesen kann.

Sie treffen sich deshalb in seinem Bücherdepot, wo Herr Roch ihr den Text diktieren möchte. Allerdings finden sie den Anfang des Manuskripts nicht. Der Roman, in dem es um Literatur geht, soll mit Musil am 12. November 1918 beginnen. In weiterer Folge schreibt er in seinem Werk auch über H.C. Artmann, Wolfgang Bauer, Gert Jose, Barbara Frischmuth, Elfriede Gerstl, Marlen Haushofer, Trude Marzig, Ilse Aichinger, Elfriede Jelinek usw. Aber ohne Anfang können sie nicht starten. Und so verbringen sie ihr erstes Treffen suchend nach der ersten Seite. Bei den nächsten Treffen beginnt Lisa doch mit dem Tippen, ohne den Anfang des Romans. Im Laufe der Zeit entsteht zwischen den beiden eine ambivalente Freundschaft.

Gegen Ende des Romans tauchen in der gelben Plastikbox in Lisas Wohnung, in der sie ihre eigenen frühen Texte aufbewahrte, die ersten Seiten des Manuskripts von Herrn Roch auf. Semira liest die ersten Passagen vor: „Da steht was von Musil im Pyjama am Fenster und von einer Frau draußen im Regen …“

Sofort macht sich Lisa auf den Weg zu Herrn Roch, der allerdings gerade auf einer Bahre zum Krankenwagen gebracht wird. Herr Roch ist bei Bewusstsein, kann sich aber an keinen fehlenden Anfang seines Jahrhundertromans erinnern.
So endet das Buch.




Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top